Heute freuen wir uns auf eine ganz spezielle Zugfahrt. Schon fast das insgeheime Highligt unserer Reise. Ab Luleå fahren wir mit dem Intercity 96, der lediglich aus einer Lok und zwei Wagen besteht. Ein stolzer Intercity, wobei der Wortteil City höchstens auf Luleå und Narvik zutreffen könnte, die restlichen Halte könnte man mit viel Goodwill bestenfalls als Dörfer bezeichnen. Wir fahren natürlich die ganze Strecke des Zuges bis an seine Endstation Narvik, das in Norwegen liegt. Gute 472 Kilometer sowie 7 Stunden und 50 Minuten Zugfahrt liegen vor uns. Wir erklären kurz, weshalb wir diesen Zug so lieben: Er fährt durch spektakuläre, wunderschöne Landschaften. Oft hupend durchquert er Schwedisch Lappland und er hält an Orten wie Kiruna, Gällivare und Abisko. Ab dort wirds wirklich spektakulär, denn das Züglein rumpelt durchs Gebirge entlang des 70 Kilometer langen Sees Torneträsk. Ab der norwegischen Grenze folgt es einem Fjord und fährt auf kurvigen Gleisen bis runter nach Narvik. Es handelt sich um eine Zugverbindung, welche vom schwedischen Staat stark subventioniert wird, da sie eine wichtige Erschliessungsfunktion für den menschenleeren Norden wahrnimmt. Die Menschen, die mit diesem Zug reisen, sind entweder Tourist*innen welche die schöne Landschaft geniessen. Oder es sind Locals, welche grosse Distanzen zurücklegen um Verwandte und Bekannte zu besuchen oder aber geschäftlich unterwegs sind.

Der Zug setzt sich etwas verspätet in Bewegung. Das nimmt hier erfahrungsgemäss niemand so genau, da es sowieso nur einen direkten Personenzug pro Tag zwischen Luleå und Narvik gibt. Hauptsache man kommt an und es gibt hier einen Zug. Gemütlich, wie wir denken. Und Johnny sorgt dafür, dass es noch gemütlicher wird. Denn seit er den Zug betreten hat, knistern die Heizungen natürlich wieder munter und es breitet sich eine wohlige Wärme (François nennt es Hitze) im Wagen aus. Klar, er hat wieder am Temperaturregler herumgefingert und stellt somit sicher, dass zumindest ein paar tropische Vibes in Lappland einziehen. François fühlt sich hingegen wie in einer mobilen Sauna und erwägt kurz, die Saunamützen aus dem Rucksack zu kramen.

In Boden steht der Intercity erstmal fast eine halbe Stunde, weil wir auf Reisende des verspäteten Nachtzugs aus Stockholm warten müssen. Hier wartet man auf Anschlüsse, was das Reisen noch entspannter macht. Und dann füllen sich die zwei Wagen plötzlich mit Reisenden aus aller Welt. Neben uns breiten zwei Mitreisende eine Karte im Abteil aus, die so gross wie eine Rettungsdecke ist. Wir hören Holländisch, Dänisch, Englisch und ein bisschen entfernt von uns sogar auch Schweizerdeutsch. Ab Boden verlässt der Zug die Zivilisation und taucht in die wilden Weiten Lapplands ein. Schon bald bildet sich ein Schweizer-Tischli und wir sitzen gemütlich zusammen mit Kaffee und Zimtschnecken in einem Viererabteil. Wir philosophieren zusammen über die Schönheit des Zugfahrens, über Schweden, seine Kultur und über vieles mehr. Was für eine schöne Begegnung. Die beiden verlassen uns leider bereits in Kiruna und starten von hier ihr 10-wöchiges Skandinavienabenteuer. Viel Spass euch beiden und geniesst diese einzigartigen Naturschönheiten!

Als unser Intercity das Gebirge erreicht, ziehen Wolken und später etwas Nebel auf. Hier oben liegt zudem noch viel Schnee. Nach Riksgränsen passieren wir die Grenze zu Norwegen und nach ein paar weiteren Zugkilometern entlang des Rombaken-Fjord erreicht unser Intercity bereits Narvik. Die Reise war so kurzweilig, dass sie sich wie eine Fahrt mit einer S-Bahn anfühlte. Nicht wie mit einem Intercity. Noch ein Nachtrag zum kurzen Zug: Im Sommer werden dann mehr Wagen angehängt und es reisen dann deutlich mehr Reisende mit diesem Zug. Ein Vorteil, wenn man mit Lokomotiven und Wagen Zugsverkehr produziert - man kann den Zug flexibel auf die benötigte Nachfrage anpassen.


Im Verlauf des Abends verschwinden dann sämtliche Wolken und die Sonne erhellt einen stahlblauen Himmel. Da wir weit über dem Polarkreis sind, wird die Sonne die ganze Nacht scheinen. Wir schreiben diesen Bericht aus der uns bekannten Rooftopbar des Scandic Hotel Narvik. Wir blicken auf den Fjord, auf die farbigen Häuser und die Erzzüge, die in der Mitternachtssonne leuchten. Diesmal sind wir aber nicht lange hier - morgen geht es per Bus auf die Lofoten.


P. S.: Narvik ist uns mittlerweile wohl bekannt, es hat noch immer mehr oder weniger eine einzige Strasse und es weht ein harscher Wind. Auf letzteren haben wir uns diesmal vorbereitet und eine Kappe ist mit im Gepäck. So müssen wir nicht mal ins Shoppingcenter rüber. Auch unser Hotelzimmer liegt wieder so, dass François seine Rangiermanöver und Johnny sein Shoppingcenter betrachten kann. Nur macht uns dieses Mal die Mitternachtssonne einen dicken Strich durch die Rechnung. Da sie penetrant über den Hügel mit den interessanten Objekten steht, sehen wir beide - gelinde gesagt - nichts. So sitzen wir, geblendet von der Sonne, vor dem grossen Fenster im 10. Stock und können uns nur ausdenken, was sich da draussen abspielt.

