Wir erwachen und schauen zum Fenster hinaus. Nach all den frühlingshaft grünen Landschaften der vergangenen Tage blicken wir auf Landschaften mit Wäldern, Seen und Flüssen, in denen der Frühling noch nicht ganz angekommen zu sein scheint. In den Wäldern liegen Schneereste und an den Birken hängen noch keine Blätter. Während wir den Polarkreis passieren, sind wir unterwegs zum schönsten Wagen des Zuges (Speisewagen) und geniessen das Morgenessen, das so karg wie die arktische Landschaft um uns herum ausfällt. Jeder von uns kriegt einen Kaffee und eine Schüssel warmen Haferbrei mit Blaubeeren drauf serviert. Die Kombination stillt den Hunger jedoch sehr effektiv.

Der Nachtzug erreicht Kolari fünf Minuten zu früh. Ehrlich gesagt haben wir, nach all den positiven Erlebnissen mit der finnischen Bahn, auch nichts anderes erwartet. Wir steigen aus dem Zug und werden von der Kälte hier fast erschlagen. Es ist windig, verglichen mit Helsinki eiskalt und zu dieser Jahreszeit scheint die Umgebung rund um den Bahnhof karg. Bahnhof ist wohl nicht ganz der richtige Ausdruck, es handelt sich eher um ein Holzlogistikzentrum mit einem Bahnsteig an einem der Gleise. Hinter dem Bahnhof lagert nämlich tonnenweise Holz, das darauf wartet, auf die Eisenbahn verladen zu werden. Das Ende dieser überdimensionalen Holzbeige ist nicht ersichtlich. Eine eindrückliche Ankunft. Zudem wurde in der Nacht unsere Elektrolokomotive durch zwei grosse Dieselloks ausgetauscht. Auf dieser Strecke hier im Norden gibt es keine Fahrleitung mehr, weshalb der elend lange Nachtzug ab Kemi mit Dieselloks gezogen werden muss. Das gibt es, zumindest in der nördlichen Hälfte von Europa, wohl nur hier.

Wir gehen zum Bahnhofsgebäude und ziehen uns erstmal um: Mützen und Jacken müssen angezogen werden, sonst schaffen wir die paar hundert Meter zum Autoverleih ohne erste Symptome einer Erfrierung nicht. Genau, ihr hab richtig gelesen: Auto. Da wir nun die nächsten Tage in einer Hütte im Wald verbringen werden, sind wir auf dieses Verkehrsmittel angewiesen. Wie zwei Polarforscher treten wir aus der Forschungsstation (der Bahnhof ähnelt tatsächlich einer solchen) und suchen die Autovermietung. Gekonnt lenkt uns Johnny in ein kleines Waldstück neben dem Bahnhof und schaut prüfend auf sein Handy: “Hier müsste eigentlich unsere Autovermietung sein”. Wir sind uns schnell einig, dass wir hier zwischen den eng wachsenden Birken und Kiefern wohl kein Auto bekommen. Wir suchen weiter und finden auch bei der nahegelegenen Tanke nichts.
Zurück am Bahnhof rufen wir den Autoverleih an, jedoch ohne Erfolg. Beim ersten Versuch nimmt niemand ab, beim zweiten Versuch spricht eine nette Frau am Telefon mit uns. Unglücklicherweise ausschliesslich auf Finnisch, was uns auch nicht weiterhilft. Nach 15 weiteren Minuten treffen wir dann vor dem Bahnhof einen etwas verzweifelt wartenden Mann in einem kleinen KIA Rio. Verwirrt schauen wir ihn an und sofort steigt er aus. Mit einigen Brocken finnisch (unsererseits lediglich Kiitos - Danke), sanfter Zeichensprache und einem netten Lächeln bekommen wir dann unseren Wagen. Der arme Mann wartete wohl fast 45 Minuten auf uns.

Kurz darauf sind wir auf kurvigen und staubigen Strassen unterwegs nach Norden. Immer wieder sehen wir Rentiere, die nahe am Strassenrand das erste grüne Gras des Jahres finden. Wir halten kurz an um einzukaufen und erreichen nach einer Dreiviertelstunde ein Dorf mit dem klingenden Namen Äkäslompolo.
Wir möchten etwas essen und Johnny versprach François auf der staubigen Piste, dass hier in Äkäslompolo der Bär steppt. Doch auch im winzigen Shoppingcenter des 500-Seelen-Dorfes (klar, auch das gibt es hier, wir sind schliesslich in Finnland) ist ausser dem bekannten finnischen Detailhändler kein einziger Laden offen. Dafür steht vor dem Center ein riesiger Elch aus Holz, der für Touristen wie wir, hier aufgestellt wurde. Ein steppender Bär hat François noch nicht zu sehen gekriegt. Aber wer weiss, vielleicht steppt zumindest der Elch dann und wann mal, denkt er sich.

Um präzise zu bleiben haben ganze drei Läden offen. Darunter ist auch ein Ski- und Snowboardladen, aus dem uns ein junger Verkäufer erstaunt entgegenblickt und uns winkt. Wir würden wirklich gerne Skifahren, die Bedingung Skigebiet offen müsste aber erfüllt sein. Mit einem netten Lächeln im Gesicht winken wir zurück.

Nach einem Besuch eines wunderschönen Sees, zur Vorspeise sozusagen, finden wir dann unten an der Hauptstrasse doch noch ein Restaurant, das geöffnet hat und in dem wir etwas zu essen kriegen. Während wir essen, verziehen sich die Wolken und dahinter kommt blauer Himmel zum Vorschein. Der Wechsel vom quirligen Helsinki nach Lappland über Nacht verlief sehr schnell. Langsam realisieren wir, wo wir eigentlich gelandet sind. In einer wunderschönen Landschaft mit lichten hügeligen Wäldern, dazwischen wechseln sich Moore mit wunderschönen Seen ab. Langsam kommen wir hier oben, im wilden Norden, an.



Nach einigen erholsamen Tagen im Wald steigen wir wieder in unser Auto und fahren zurück nach Kolari zum Bahnhof. Aber nicht auf direktem Wege. Auf der Karte haben wir nämlich entdeckt, dass die Gleise vom Bahnhof Kolari eigentlich noch weiter in Richtung Norden ziehen und fragen uns, wo die wohl hinführen. Ehrensache, dass da nachgeforscht werden muss. Voller Neugier fahren wir mit dem Auto zum nördlichsten Endpunkt der Strecke. Von der geteerten Strasse biegen wir schon bald auf eine überdimensional breite Schotterpiste ab. An deren Ende angelangt, treffen wir auf ein rostiges Tor. Wir sehen Kameras, Lautsprecheranlagen und Strassenleuchten. Aber alles scheint verlassen und ausser Betrieb zu stehen. Wir stellen den KIA Rio vor das Tor und betreten das Gelände. Bald treffen wir auf die Gleise, die bei einem morschen Prellbock enden. So sieht also das Ende der Strecke aus. Wir entdecken eine Verladerampe, dahinter steht ein grosses Fabrikgebäude mit Förderanlagen. In der Mitte steht ein hoher Turm aus Beton.

Nach einer kurzen Feldrecherche finden wir heraus, dass es sich hier um die ausser Betrieb genommene Eisenerzmine von Rautuvaara handelt. Das Eisenerz, welches hier gefördert wurde, hat Kolari und der ganzen Region grossen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Das Erz wurde über Jahre von hier ins finnische Stahlwerk von Raahe transportiert, um dort Stahl herzustellen.

Die Mine stand bis 1989 in Betrieb und wurde dann geschlossen. Das passt irgendwie zu unserem Eindruck, denn vieles in Kolari scheint so, als wäre mal mehr Aktivität vorhanden gewesen, als hätte hier mal eine Blütezeit stattgefunden. Heute ist die Mine ein richtiger Lost Place, der gemäss unserer Recherche sogar als Filmlocation gebucht werden kann. Das passt richtig gut. Und wir fühlen uns gleich wie zwei Kommissare aus einem finnischen Thriller, die hinten in der alten verlassenen Mine einem Hinweis nachgehen. Natürlich ohne weitere Verstärkung und ohne jemandem mitzuteilen, dass wir da raus fahren.

Es bestehen tatsächlich Pläne, die Bergbauaktivitäten wieder aufzunehmen. In den Abraumhalden der Mine befinden sich weiterhin Stoffe wie Kupfer, Arsen, Nickel und Zink. Die Förderung dieser Rohstoffe kann künftig wirtschaftlich wieder interessant werden. Und wer weiss, vielleicht rollen hier über dieses Gelände bald wieder Bagger und vielleicht auch Erzzüge. Noch eine weitere Idee der Gemeinde Kolari hat unsere Aufmerksamkeit geweckt: Die Gleise könnten bis nach Äkäslompolo gezogen werden, dem Skiort mit dem Holzelch und es würde so auch mit dem Zug erreichbar gemacht werden können. Und dann, da ist nun auch François fest überzeugt, wird dort nicht nur der Elch, sondern auch der Bär steppen.
Dass der nördlichste Punkt Finnlands, wo noch Gleise liegen, so viele spannende Geschichten und Antworten birgt, hätten wir nicht erwartet. Und mit noch mehr Wissen über das Gebiet und vielen schönen Eindrücken aus Äkäslompolo und Kolari fahren wir zum Bahnhof. Für uns geht es heute Abend weiter.


