Wir erwachen mitten auf dem Meer, irgendwo in der Ostsee kurz vor Helsinki. Die Nacht war kurz, aber erholsam. Mit dem Lift geht es runter in eines der Restaurants, wo wir unser Special Breakfast gebucht haben. Während wir erneut ein grosses Buffet mit allen erdenklichen Speisen geniessen dürfen, ziehen vor dem Fenster immer mehr Schären auf. Kurz darauf erreichen wir Helsinki. Wir verabschieden uns herzlich von Harry Hylje, während Mumin und My mit Abwesenheit glänzen. Durch die Gangway schreiten wir in Richtung des Terminals und betreten anschliessend finnischen Boden.

Silja Serenade im Hafen von Helsinki
Ankunft der Silja Serenade im Hafen von Helsinki – das schwimmende Shoppingcenter hat sein Ziel erreicht.

Die Stadt empfängt uns mit einer kalten Brise. Mit einem der vielen grünen Trams, die gekonnt um zahlreiche 90-Grad kurven flitzen, fahren wir in den Stadtteil Jätkäsaari / Busholmen. Hier ist alles zweisprachig angeschrieben, denn in Finnland lebt eine schwedische Minderheit, die sogenannten Finnlandschwed*innen. Sie sind zwar ethnisch Teil der finnischen Bevölkerung, unterscheiden sich jedoch in Muttersprache, Kultur und gewissen Traditionen. Es gibt sogar finnische und schwedische Schulen, in denen die andere Sprache jeweils zum Pflichtunterricht gehört. Vielleicht erfahren wir in den kommenden Tagen noch etwas mehr über das kulturelle Miteinander hier in Finnland. Festzuhalten ist, dass uns das Schwedisch sehr entgegenkommt, denn damit erhalten wir eine reelle Chance, unsere Zielhaltestelle mit dem Namen Välimerenkatu (schwed. Medelhavsgatan) nicht zu verpassen.

Wir beziehen das Zimmer und gehen gleich wieder auf die Gasse. Mit der U-Bahn fahren wir aus der Stadt hinaus, um einen Überblick zu gewinnen. Zurück im Zentrum steigen wir an einer U-Bahnstation aus, welche direkt in eine riesige Shoppingmall mündet. Wir staunen über die Grösse des Komplexes. Draussen auf der Strasse fällt uns dann auf, dass dies bei weitem nicht die einzige Mall ist. Gefühlt befindet sich hier an jeder zweiten Ecke ein Eingang zu einem Shoppingtempel oder einer Arkade und wir fragen uns, ob diese riesigen Einrichtungen auch wirklich alle rentieren, denn eine ist imposanter und grösser als die andere. Wahrscheinlich liegt dies an den kalten Temperaturen, denken wir, welche hier hier lange andauern und es die Menschen daher eher nach drinnen zieht. Sowieso wirkt Helsinki auf uns zu diesem Zeitpunkt eher kühl, so richtig greifbar ist die Stadt für uns noch nicht. In einem kleinen gemütlichen Kaffee wärmen wir uns auf und diskutieren die ersten Eindrücke dieser Stadt.

Wir entscheiden uns, das technische Museum von Helsinki zu besuchen. Dieses liegt etwas ausserhalb der Stadt und um es kurzzufassen, enttäuschte uns das Museum. Die Exponate wirken eher beliebig zusammengestellt, die Informationen dazu sind meist nur wenige Sätze und nach zirka einer Stunde haben wir auch bereits alles gesehen. Später finden wir heraus, dass das Museum gerade umgebaut wird und nur ein kleiner Teil der Ausstellung zugänglich ist. Wir haben für die reduzierte Ausstellung deshalb Verständnis. Das technische Highlight folgt dann doch noch: Auf einem Spazierweg kommt uns ein autonom fahrendes Fahrzeug auf sechs Räder entgegen. Der QR-Code auf dem niedlich wirkendem Gefährt verrät uns, dass es gerade Essen ausliefert. Um das herauszufinden, musste Johnny dem Ding allerdings schnell aber unauffällig folgen. Und wie ihr seht, es hat geklappt.

Begegnung mit einem Lieferroboter
Fangis, aber mit einem Roboter auf der Strasse.

Auf dem kleinen Ausflug entdeckten wir einige weitere Orte dieser Stadt mit nur 660’000 Einwohner*innen. In Finnland leben insgesamt übrigens nur 5.6 Millionen Menschen auf ganzen 338’462 Quadratkilometer. An Platz mangelt es hier nicht.

Schwedische Schärenlandschaft
Typische rote Holzhäuser auf kleinen Schäreninseln – ein klassisches Bild der Ostsee.

Am Abend besteigen wir die Fähre mit der Nummer 19, welche uns rüber auf die nahe gelegene Insel Sveaborg / Suomenlinna fährt. Sie ist übrigens im ÖV-Ticket der Zonen A und B inkludiert. Mit uns an Deck sind einige uniformierte Kadetten der finnischen Marine, und wir beginnen uns zu fragen, wie sich die aktuelle politische Situation insbesondere auf junge Menschen auswirkt. Lange diskutieren können wir aber nicht, denn die Insel kommt bereits in Sichtweite. Wir klettern auf die Bunkerhügel von Västersvartö, einer Nebeninsel, mit ihren alten verrosteten Kanonen die heute glücklicherweise ins Nichts zielen.

Nonnengans in der Wildnis
Eine Wildgans auf der Insel Suomenlinna / Sveaborg.

Überall schnattern Wildgänse im Gras, vom Wasser ertönen die eigenartigen Rufe der Eiderenten und Möwen ziehen in der untergehenden Sonne über unseren Köpfen ihre Kreise. Es riecht nach Meer und ein unerwartet warmer Wind umströmt die Insel.

Abendstimmung mit Silhouetten

Unser Blick schweift rüber ins Stadtzentrum von Helsinki und es bietet sich uns eine Aussicht, die ihresgleichen sucht. Mit der untergehenden Sonne taut auch unser erster Eindruck dieser Stadt auf. Wie schön sie doch liegt, hinter den kargen Schären in der finnischen Bucht, so weit im Osten von Europa.

Sonnenuntergang über Helsinki

P. S.: Während wir diese Zeilen schreiben, sitzen wir in der Lobby unseres Hotels. Wir haben uns ein ruhiges Plätzchen gesucht, an dem wir die intensiven Erlebnisse des heutigen Tages verarbeiten können. Denn hier gibt es verschiedene gemütliche Ecken mit Zeichnungspapier, Büchern und einigen Instrumenten. Eine italienische Reisegruppe hat ausgerechnet Letzteres entdeckt. Exakt zum Zeitpunkt, als wir unsere Laptops aufklappen, beginnt das Konzert. Diejenigen, welche keine Instrumente gefunden haben, bilden den Chor. Die Qualität befindet sich allerdings auf dem Niveau der Karaokebar des schwimmenden Shoppingcenters von gestern und es reiht sich Gassenschlager an Gassenschlager. Wir sehen uns an und müssen herzhaft lachen. Während sich draussen mit der Dunkelheit wieder empfindliches Kühl über die Stadt gelegt hat, erwärmen drinnen wenigstens die Klänge von Gianna Nanninis «Bello e impossibile» und weitere Hits aus dem südlichen Europa die Stube.

Schwedenreisli