Nach dem intensiven Tag in Åre geht es für uns heute weiter nach Gävle. Beim Morgenessen im Shining-Hotel sehen wir zum ersten Mal dann auch jemanden vom Personal. Die sehr nette Frau fragt uns ironischerweise bereits in einem der ersten Sätze, ob wir den Film Shining kennen würden. Ihr käme der Film immer mal wieder in den Sinn, wenn sie in der Zwischensaison durch die einsamen Gänge schlurfe. «Ja, das tun wir», antworten wir amüsiert. Und zeigen auf das Bild mit dem Typen, der ein bisschen dem aus dem Film gleicht. Mit schrägem Blick betrachtet sie die Fotografie und meint, dass wir Recht hätten und sie künftig wohl noch mehr an Shining denken müsse. Bei aller Ironie empfehlen wir das wunderschön gelegene Hotel Fjällgården mit seiner stimmigen schwedischen Bergatmosphäre sehr. Stilvoll eingerichtet thront es stolz über Åre und dem Åresjön, dem hübschen See von Åre.

Die Aussicht können wir aber nicht mehr lange geniessen, denn um 10.48 Uhr verlässt unser Intercity der SJ (Schwedische Staatsbahn) den Bahnhof Åre. Wir fahren auf der «Mittbanan» in Richtung Gävle. Die Strecke führt, ihr könnt es erraten, wieder mal entlang von schönen Seen und weiten Wäldern. Weil es so schön ist und man sich kaum satt sehen kann, können wir uns eben nicht satt schreiben.

Und ebenso ergeht es dem netten Bistromitarbeiter, der uns Kaffee ausschenkt. Er sei zwar in Stockholm stationiert. Wenn er auf der Mittbana eingeteilt wird, sei das aber immer ein «lucky one». Es tut richtig gut zu wissen, dass noch mehr Menschen von dieser schönen Natur angetan sind und diese zu schätzen wissen. Und es ist nicht das erste Mal, dass wir Bistromitarbeitenden begegnen, welche richtig Freude an ihrem Job zu haben scheinen und sich um eine gute Stimmung in der rollenden Kneipe bemühen. Ständig hupend verlässt der Zug nun das gebirgige Gebiet, zieht Richtung Süden.
Gävle ist eine mittelgrosse, hübsche Stadt, wie es in Schweden so einige davon gibt. Wir haben schon zahlreiche schwedische Kleinstädte besucht und finden immer mehr, dass diese einem bestimmten Muster folgen, städtebaulich aber auch architektonisch. Wir versuchen das kurz zu beschreiben: Der Bahnhof steht typischerweise im Zentrum. Davor beginnt, nach einem Busbahnhof, eine verkehrsbefreite Einkaufsmeile (mit den Läden, die es gefühlt in jeder schwedischen Stadt gibt). Eine mittelgrosse Shoppingmall (wirklich nur eine - im Gegensatz zu Helsinki) und das Filmstaden (Kino) findet man am zentralen Platz, wo auch typischerweise das Stadshuset mit öffentlicher Bibliothek steht. Weiter findet man dort auch ein Hotel und mitten auf dem Platz entweder eine Würstchenbude oder ein Restaurant. Folgt man der Strasse weiter, kommt man zum Stadtpark mit einer Kirche. Dort verlässt man auch die typischen, einander gleichenden Betonbauten (die nicht alle als architektonische Sehenswürdigkeiten beschrieben werden können). Der Park grenzt üblicherweise an ein Flüsschen, das durch die Stadt fliesst. Wenn es kein Fluss hat, liegt dort ein See. Am Fluss oder am See stehen oft die ältesten Häuser der Stadt, ähnlich einer Altstadt. Ganz in der Nähe findet man dann einen grossen Parkplatz, bei dem die Leute, die nicht wie wir mit dem Zug gekommen sind, parkieren.



Uns beschäftigt das mittlerweile so stark, dass wir zu recherchieren beginnen und tatsächlich werden wir fündig. In der Nachkriegszeit wurden viele Städte nach dem gleichen Muster erneuert. Ein wichtiger Aspekt im Rahmen der sogenannten Citysanering (Stadtsanierung) war die soziale Gleichheit, die bis heute ein wichtiges schwedisches Ideal darstellt. Städte sollten für alle zugänglich sowie funktional statt protzig werden. Verkehrstechnisch wurden die Städte so gestaltet, dass sie autofreundlich sprich im Schachbrettmuster und mit breiten Strassen angelegt sind. Dazu wurden ganze Quartiere abgerissen und durch funktionale, moderne Betonbauten ersetzt - oft mit einem Einkaufszentrum, Parkplatz und Busbahnhof im Stadtzentrum. Von diesen Abrissen sind übrigens viele eindrückliche Bilder online zu finden. Oft wurden die damals verpönten Altstädte nicht entfernt, sondern am Rand der neuen Bauten belassen. Die Verkehrsberuhigung und -befreiung fand erst später statt, typischerweise aber betraf es die Hauptgassen, die jeweils in den zentralen Platz münden.

Ende der Vorlesung, zurück nach Gävle.
Nach einem Spaziergang durch die Stadt trinken wir noch einen Kaffee (am zentralen Platz in der bekannten schwedischen Kaffeehauskette) bevor wir uns dem eigentlichen Grund dieses Zwischenstopps widmen. Dreimal darf bekanntlich geraten werden:

Wir besuchen das kürzlich neu eröffnete Eisenbahnmuseum. Das Museum war seit 2017 geschlossen und wurde renoviert. Im letzten Sommer wurde es dann neu eröffnet. Und die Renovierung kann sich sehen lassen. Ein interaktives Museum, das die Geschichte und unterschiedliche Aspekte der Eisenbahngeschichte in Schweden beleuchtet. Die ausgestellten Lokomotiven und Wagen sind sorgfältig ausgewählt und restauriert. So gibt es die ersten Schlafwagen und Restaurantwagen zu besichtigen, aber auch einen Steuerwagen des Hochgeschwindigkeitszugs X2000.



Für das flächenmässig riesige Land Schweden hatte die Eisenbahn von Anfang an die Aufgabe, das Land zu verbinden. Einerseits, damit die Menschen diese grossen Strecken komfortabel zurücklegen können, vor allem aber auch, um Güter effizient zu transportieren.
Rund um die Ausstellung gibt es einen grossen Park, wo zusätzlich noch einige Zugwagen ausgestellt sind. In der Hochsaison und am Wochenende fährt zudem ein alter Schienenbus vom Bahnhof zum Museum, den die Besucher*innen nutzen können.

Und auch das Museumsbistro ist sehr zu empfehlen. Am Mittag wird ein typisch schwedisches Buffet angeboten für einen sehr fairen Preis mit frischen Speisen. Der Speisesaal ist, passend zum Thema, ein alter Speisewagen.
Gestärkt und voller Eindrücke geht es für uns zurück an den Bahnhof und weiter Richtung Süden. Die vorerst letzte Zugfahrt dieses Schwedenreislis steht an. Die nächsten Tage erholen wir uns in Südschweden fernab von Hotelbetten, Frühstücksbüffets und anderen Tourist*innen.
P.S.: Rückblick: Als wir dieses einschlägige Museum in unsere Planung aufnahmen, kommentiere Johnny dieses Vorhaben folgendermassen: «Das finde ich super, dass wir das Eisenbahnmuseum besuchen, denn dann haben wir auch mal einen Tag, an dem wir mal richtig was von Eisenbahnen sehen». François war etwas neben der Schiene, sah Johnny mit entgleistem Gesichtsausdruck an, lächelte und nickte anschliessend nachdenklich. Denn er hat Recht, es ist wirklich was ganz anderes, stehende Züge von draussen zu bestaunen als mit diesem Verkehrsmittel drei Wochen durch fünf Länder zu reisen.
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