Diesellok am Perron
In Bodø steht die Lok bereit, die uns rund 730 Kilometer nach Trondheim ziehen wird.

Wir stehen am Bahnhof von Bodø. Endlich folgt wieder ein Tag auf Schienen. Das Reisen mit Bus und Schiff war zwar schön, aber im Vergleich mit Zugfahren dann doch eher anstrengend und eintönig. Wir sind uns einig, dass Zugfahren einfach die tollste Art und Weise ist, zu reisen. Wir werden heute die ganze Strecke der Nordlandsbanen, so wird die Eisenbahnlinie zwischen Bodø und Trondheim genannt, abrattern. Das wird ganze zehn Stunden dauern. Während das für andere Menschen abschreckend klingt, beginnen unsere Augen zu glänzen. Denn wir wissen bereits jetzt: Die Fahrt wird wie im Flug vorbei gehen.

Premium Pluss Sitze
Luxus auf Schienen: Die bequemen Sitze der Premium Pluss Klasse, inklusive Kaffee à discrétion.

Wir steigen in den Zug und freuen uns besonders, denn wir haben die Klasse Premium Pluss gebucht. Das heisst breite, verstellbare Sitze mit Beinlehnen, viel Beinfreiheit und obendrauf Wasser, Früchte und Kaffee inklusive. Unser Ziel mit Letzterem ist es, uns eine Koffeinvergiftung einzufangen, denn das Angebot muss ausgekostet werden. Der Zug setzt sich pünktlich in Bewegung, während sich die ersten Symptome einer Koffeinvergiftung bereits einstellen. Nach drei doppelten Espressi aus der Schweizer Kaffeemaschine wird uns flauer im Magen als gestern auf der Fähre. Zum Glück gibt es noch Tee, mit dem wir unser Verdauungssystem wieder beruhigen können. Mit heisser Schokolade geht es dann wieder munter weiter. Die Zeit für die Früchte ist gekommen und schon bald knabbern wir an einem Apfel.

Zugfahrt entlang der Küste
Der Weg der Küste entlang aus Fenster am Ende des Zuges.

Während sich diese Szenen in der Premium-Pluss-Klasse abspielen, schlängelt sich der Zug entlang der wunderschönen Küste. Immer wieder taucht der Zug in einen Tunnel und kommt dann an einem wilden Strand wieder ans Tageslicht. Etwas später verlassen wir das Meer und die Strecke beginnt anzusteigen. Es geht jetzt hoch aufs Saltfjellet. Es handelt sich dabei um eine Art Passstrecke, die der Zug überwinden muss. Die ganze Strecke bis nach Trondheim ist übrigens nicht elektrifiziert, weshalb wir von einer grossen Diesellok (Typ Di4) gezogen werden. Das Ungetüm ist nicht mehr das jüngste und es donnert laut im ersten Wagen hinter der Lok. Und da es auch ein bisschen nach Diesel riecht, verkriechen wir uns bald wieder in die angenehm nach Kaffee duftende Premium-Pluss-Klasse. Wir nähern uns der Passhöhe und damit auch dem Polarkreis, wo das Ungetüm etwas abbremst und lange hupt.

Eingleisig durchs Saltfjellet
Geradeaus durch arktisches Niemandsland – die Nordlandsbanen auf dem Saltfjellet, zwischen Schnee, Wind und Weite.

Polarkreis am Saltfjellet
Wir überqueren den Polarkreis im Saltfjellet.

Für uns ein etwas wehmütiger Moment, denn auf diesem Schwedenreisli werden wir den Polarkreis nicht mehr sehen. Am Bahnhof mit dem hübschen Namen Dunderland müssen wir ein paar Minuten auf den Gegenzug warten. Wir steigen aus und halten mit der netten Zugbegleiterin einen Schwatz auf dem Perron ab (sie wurde auf uns aufmerksam, weil wir zielstrebig nach vorne zur mächtigen Diesellok marschierten, um das Ungetüm in Augenschein zu nehmen).

Diesellok in Dunderland
Die Lok Di4 in Dunderland.

Oft verläuft die Strecke entlang der Küste. In Norwegen ist diese alles andere als lieblich. Immer wieder schneiden sich die vom Gletscher geschaffenen Fjorde tief ins Landesinnere, und wo der Zug deshalb nicht der Küste folgen kann, muss er den Weg übers Gebirge nehmen. Wir starten in Bodø auf vier Meter über Meer und der höchste Punkt der Strecke liegt im Gebiet des Saltfjellets auf 680 Meter über Meer. Somit überwinden also auf der ersten Etappe unserer Reise rund 676 Höhenmeter, was knapp mehr als die Gotthard-Nordrampe ist (Erstfeld - Göschenen: ca. 624 Meter). Es handelt sich also um eine waschechte Gebirgsstrecke. Ein weiterer Aspekt ist das Klima, denn aufgrund der hohen geografischen Breite liegt die Baumgrenze deutlich tiefer. Bereits bei 500 Metern über mehr wächst hier kein Baum mehr, während oben im Saltfjellet dann arktische Bedingungen herrschen.

Im Winter liegt massenhaft Schnee, dessen Reste noch lange bis in den Sommer hinein liegen bleiben werden – hier eine Eisenbahn zu betreiben, ist herausfordernd.

Wenn man in Norwegen eine Wanderung von einem Fjord rauf ins Gebirge (Fjell) macht, durchquert man auf 1200 Höhenmeter (wo bereits Gletscher anzutreffen sind) alle Klimazonen in sehr kurzer Abfolge. Die Berge hier sind zwar nicht hoch, haben aber alles zu bieten, was Alpinist*innen so mögen.

Fahrt durch arktische Gebirgslandschaft
Blick aus dem Zug auf das Saltfjellet – alpin, rau, aber wunderschön.

Gegen Ende der Zugfahrt fahren wir durch weite Landschaften mit vielen Flüssen, Seen und Wäldern und seit langem erblicken wir wieder das Grün des Frühlings. Und es wird bereits wieder dunkler. Als wir an einem langen schönen See mit viel Wald und gänzlich unverbauten Ufern entlangfahren, werden wir ein wenig andächtig und hoffen, dass diese schönen Landschaften noch lange so unberührt und wild bleiben. Wer weiss schon, was dem wunderschönen Norden mit dem immer wärmer werdenden Klima noch alles blüht.

Mitternachtssonne bei der Ankunft
Bei der Ankunft in Trondheim sehen wir seit über einer Woche wieder die Sonne untergehen.

P.S.: Heute ist bekanntlich der 30. Mai 2025. Das gilt auch hier in Norwegen.

Es ist nämlich so. Nachdem wir bestens gelaunt unsere (gepolsterten und breiten) Sitze bezogen haben, werden wir nach einigen Minuten kontrolliert. Die Kundenbegleiterin fragt uns freundlich, ob wir reserviert hätten. Natürlich haben wir das: Johnny zeigt also unsere Reservierung und die Kundenbegleiterin sagt leicht irritiert, einer der beiden Plätze sei ab Mosjøen reserviert, jedoch nicht durch uns. Sie sagt, es könne sein, dass es ein Problem mit dem Ticketsystem gäbe, sie würde dann unterwegs schauen, wie sie das lösen könnte.

Wir schauen unsere Reservierung noch einmal genauer an. Wir versichern uns, dass wir auf den richtigen Plätzen im richtigen Wagen sitzen. Alles scheint zu stimmen. Nach ca. 4 Stunden taucht dann tatsächlich eine freundliche Frau auf, deren Reservierung auf einen unserer Plätze lautet. Wir werden nervös, einige Blicke richten sich auf uns, die Frau nimmt die Situation aber völlig locker. Der mittlerweile neu zugestiegene Kundenbegleiter im Zug schaut sich dann die Reservierungen beider Parteien an. Beim Scannen unserer Reservierung erscheint auf seinem Gerät eine Fehlermeldung. Der Zugbegleiter schiebt den Grund auf die Buchungsplattform und teilt der Frau einen freien Platz zu – wir fallen erleichtert wieder in die gepolsterten Sitze. Nach einem weiteren Blick auf das Ticket fällt uns das kleine Detail auf: Die Reservierung gilt erst am 30. Juni, nicht am 30. Mai. Der Grund für die vermeintliche Doppelbuchung liegt also nicht am Buchungssystem.

Falls jemand von euch per Zufall Lust auf eine Zugreise am 30. Juni von Bodø nach Trondheim hat, hätten wir noch zwei Plätze anzubieten: Abfahrt wäre um 12:27 ab Gleis 1, Plätze 37 und 38 im Wagen 1.

Schwedenreisli