Als wir den Vorhang am Morgen aufziehen, staunen wir erneut über die Schönheit dieses Platzes. Alles scheint wie in einem kitischigen Film und ein bisschen unwirklich. Die farbigen Häuschen, die nahe am türkis grünen Wasser stehen, die Fischerboote, dahinter das Meer und die schroffen Berge, die aus dem Wasser ragen sind einfach wunderschön anzuschauen. Johnny trifft den Nagel auf den Kopf: «Es sieht aus wie eine Themenwelt im Europapark, wie wenn alles nur inszeniert wäre». Nach dem Morgenessen geht es in die Sauna. Der Regen hat wieder eingesetzt und der Start in den Tag fühlt sich in der Wärme perfekt an. Abkühlen kann man sich hier direkt im eiskalten Meer, was will man mehr.

Nach dem Mittag besteigen wir wieder den Bus der mittlerweile vertrauten Linie 300 und nehmen die nächste Etappe in Angriff. Der Bus führt uns während drei Stunden über Reine nach Moskenes und immer weiter entlang der immer wilder und schroffer werdenden Landschaften. Das Wetter wechselt dabei immer wieder ab, mal scheint die Sonne, eine Viertelstunde später regnet es wieder stark. Die Strasse wird noch schmaler und wir sind beeindruckt, dass dieses Stück Infrastruktur für die hier lebenden Menschen die einzige Landverbindung darstellt. Ab und zu hält der Bus am Strassenrand bei einem der zahlreichen blauen Busschilder. Einige Halte liegen so abgelegen, dass wir uns zu fragen beginnen, woher die Menschen mit den grossen Rucksäcken gekommen sind. Oft ist, ausser der Strasse, nämlich gar nichts zu sehen. Den Leuten, welche den Bus an solchen Haltestellen verlassen, wünscht der Busfahrer herzlich «Good luck and take care». Angesichts der schroffen Landschaft und des harschen Wetters, sehr passend. Und wieder ist er da, der trockene Humor der freundlichen Busfahrer*innen der Linie 300. Denn das Lächeln des Busfahrers am Ende seiner Aussage haben die meisten dann nicht mehr gesehen, sie sind bereits im Gestrüpp verschwunden.


In Moskenes verlassen wir den Bus, der noch bis Å fahren wird. Nein, das ist kein Tippfehler der beiden Reporter, ihr habt richtig gelesen. Die letzte Ortschaft der schönen Inselgruppe heisst tatsächlich Å. Es ist das lange A, beziehungsweise ein Doppel-A. Man könnte also auch Aa schreiben. Das tut man aber in Norwegen seit 1917, als es eine Rechtschreibreform gab, nicht mehr. Aber genug Grammatikgeschichte für heute und zurück auf die Lofoten.

Von Moskenes wird uns die Abendfähre nach Bodø bringen. Bei der Verbindung Moskenes - Bodø handelt es sich um die längste Fährverbindung innerhalb Norwegens und um die unzuverlässigste. Nicht weil das Personal nicht motiviert wäre, sondern weil es sich um eine wettermässig sehr unbeständige Route handelt. Die Fähre legt aber erst um 20.30 Uhr ab. Bis dahin müssen wir hier, (fast) am Ende der Lofoten, warten. Hier ist definitiv nichts mehr los und das beheizte moderne Wartehäuschen mit grossen Glasfenstern kommt wie gerufen. Der Fährterminal von Moskenes verspricht aber noch mehr: Einsam und verlassen steht hier ein Burrito-Foodtruck, der sogar geöffnet hat. Wir bestellen zwei Burritos und sind erstaunt: Vom Ende der Welt dürfen wir berichten, dass die Burritos aus dem orangen Truck richtig gut schmecken. Dazu gibts tolle knusprige Fritten. Tja, wenn der Regen nicht wäre: Es liesse sich gut leben hier.

Nach einigem Warten erscheint dann die Fähre plötzlich wie aus dem Nichts. Sie öffnet ihren Schlund während sie in strömenden Regen und starkem Wind anlegt. Im Wind und Regen stehend freuen wir uns an die Wärme zu kommen und etwas Warmes im Bordrestaurant zu essen.

Bereits bei der Ausfahrt aus dem Hafen berichtet der Kapitän höchstpersönlich, dass die Überfahrt sehr ungemütlich werden wird. Sämtliche Passagiere sind angehalten sich zu setzen und den Sitzplatz nur wenn dringend nötig zu verlassen. Das Verschlingen eines Hotdogs erachten wir als eine ziemlich dringende Notwendigkeit und verlassen deswegen unsere Sitzplätze. Wir werden enttäuscht – das Bistro hat aufgrund des schweren Seegangs geschlossen. So setzen wir uns also brav hin. Schon bald spüren wir den angekündigten Sturm. Neben starkem Wind türmen sich grosse Wellen auf und das Schiff beginnt zu schaukeln. Ab und zu spüren wir, wie das Wasser gegen das Schiff prallt, dann donnert die ganze Nussschale gewaltig und alles was nicht niet- und nagelfest ist beginnt zu zittern. Die Wellen sind teilweise so hoch, dass die Gischt des Bugs gegen die Fenster prassen. Es wird andächtig still und alle versuchen einen möglichst angenehmen Platz zu finden.

Vielen Passagieren wird schlecht und die zur Verfügung stehenden «Säcklein für Seekrankheit» werden rege benutzt. Uns wird es glücklicherweise nicht schlecht und wir geniessen die Fahrt durch die stürmische See. Nach gut vier Stunden ist es dann vorüber und wir erreichen Bodø. Diese Überfahrt werden wir nicht so schnell vergessen. Und um ein Haar wäre die Fähre gar nicht erst gefahren. Es fehlten noch drei Meter pro Sekunde Windstärke mehr und die Fahrt wäre sprichwörtlich ins Wasser gefallen.


P. S.: Seit Kolari sind wir übrigens zu Dritt unterwegs. Das müssen wir kurz erklären, damit keine Missverständnisse entstehen: Seit dem kleinen Supermarkt an der staubigen Strasse von Kolari begleitet uns nämlich ein knallgrüner Mumin-Sack. Ja, wir mussten den anschaffen, um darin unsere Einkäufe zu transportieren. Unsere Rucksäcke hatten schlicht keinen Platz mehr dafür. Schleichend wurde er zum treuen Begleiter, in dem wir in ihm alles mehr oder weniger Überflüssige transportierten. In Kolari stopften wir drei Orangen und zwei Zitronen in den Sack. Seit Luleå transportiert François seine Kamera darin. Ein Pack Salznüsse und eine Wasserflasche kamen kurz vor dem Besteigen des Lappland-Intercitys hinzu. Seit Svolvær kamen noch drei Pfandflaschen dazu. Johnny nennt ihn liebevoll einen Gemischtwarenladen.

Während François das zusätzliche Gepäckstück von Beginn an zu schätzen wusste, stieg bei Johnny immer mehr Unmut über den netten grünen Sack auf. Immer wieder betonte er den Nachteil dieses Geschlepps, denn die Gefahr bestehe, dass wir den irgenwann und irgendwo dann plötzlich vergessen: «Jedes Umsteigen wird zu einem unnützen Nervenkrieg». Da hat er natürlich Recht, aber der Sack ist François irgendwie ans Herz gewachsen. Im Bus, ca. 15 Minuten vor Moskenes, spricht Johnny dann Klartext: «Das Ding ist bis Bodø leer, oder der Sack kommt ganz weg.» François hat daraufhin nochmals versucht, die Vorzüge dieses äusserst praktischen Gadgets zu erläutern - jedoch ohne Erfolg. Während Johnny am Fährterminal ein Nickerchen macht, leert François den Sack und verstaut ihn im Rucksack. Auch er ist überzeugt, dass es viel praktischer ist, wenn wir uns um nur zwei Gepäckstücke kümmern müssen. Und das Umsteigen wird ab sofort wieder viel entspannter.

