Wir erwachen in Trondheim und überfallen ein weiteres Mal ein reichhaltig gedecktes Scandic-Zmorgebuffet. Heute Abend werden wir in Åre sein, im Fjällgårdshotell, wo gemäss dem Hotelbesitzer Zwischensaison herrscht und es deshalb ein sehr reduziertes Angebot gäbe. Also schlagen wir zu. Nach dem Essen spazieren wir zur Strassenbahnhaltestelle St. Olavs gate, bei welcher es sich um die nördlichste Tramhaltestelle der Welt handelt. Von dort rattert die 1990 wieder eröffnete Gråkallbane über wackelige Gleise in die südwestlichen Vororte von Trondheim. Das Tramnetz in Trondheim war mal deutlich grösser, die Bahn ist ein Überbleibsel davon. Wir fahren bis zur Endstation Lian, die an einem schönen See liegt, und spazieren um diesen herum.

Tram Nr. 9 der Gråkallbane
Die Gråkallbane an der Endstation Lian in den Vororten von Trondheim.

See bei der Endstation Lian
Der See am Ende der Gråkallbane in Trondheim.

Altstadt Trondheim
Das Zentrum von Trondheim mit seinen typischen Holzhäusern.

Mit dem Bahnersatzbus fahren wir am Nachmittag nach Storlien und von dort wieder (glücklicherweise) mit dem Zug weiter nach Åre, dem bekannten Skiort. Die Strecke auf der norwegischen Seite wird gerade elektrifiziert, weshalb dort aktuell keine Züge fahren. Die Zugfahrt auf der schwedischen Seite ist in der Abendsonne besonders schön, und wir sehen in der Weite die Berge des «Triangeln» vorbeiziehen. In diese Wanderregion gelangt man übrigens bequem mit dem Zug, der Abenteuer*innen von Enafors direkt in die Berge bringt. In Åre angekommen beneiden wir kurz den Lokführer: Was für schöne Stimmungen hier oben in den Bergen dürfen diese Lokführer*innen wohl täglich sehen. Und dann machen wir uns auf in Richtung Hotel.

Hotel Fjällgården in Åre
Dann taucht es auf: Das einsam gelegene Fjällgårdshotell.

Wer kennt ihn nicht - den Film mit Kultstatus, indem ein mehr oder weniger verrückt gewordener Typ mit seiner Familie und einem Hackebeil während der Zwischensaison in ein verlassenes Berghotel zieht? Wir meinen den Film «Shining» mit Nicolas Cage aus den 80er Jahren und genau diesen kommt uns in den Sinn, als wir von der steilen Strasse im dichten Wald unser Hotel erblicken. Der dunkle Bau taucht hinter einem wolkenverhangenen Himmel auf, ein leichter Nieselregen setzt ein. Der Anblick lässt uns leicht frösteln.

Das Hotel Fjällgården liegt etwas oberhalb des bekannten Skiresorts Åre. Einsam, umgeben von einem dichten und dunklen Nadelwald. Erschlossen ist das Hotel unter anderem über eine kleine Standseilbahn, welche in der Hauptsaison die Gäste vom Zentrum rauf ins Hotel mitten im Gehölz fährt. Die perfekte Kulisse.

Åre Bergbana
Die Standseilbahn Åre Bergbana – leider ausser Betrieb in der Zwischensaison.

Es ist aber Zwischensaison, die Standseilbahn fährt nicht und der Hotelbesitzer teilte uns mehrmals mit, dass er zu dieser Zeit nicht viele Gäste hätte und wir wahrscheinlich allein sein werden. Auch sollten wir nicht zu hohe Ansprüche an das Morgenessen und übrige Dienstleistungen wie Sauna und Hotpot haben. Aufgrund dieses Umstandes haben wir uns natürlich überlegt, ein anderes Hotel zu buchen. Aber irgendwie riecht das nach einem Abenteuer. Denn wir sehen uns bereits, wie wir durch einsame und verlassene Gänge mit roten Spannteppichen schleichen.

Es ist mucksmäuschenstill, als wir den Code an der Tür eingeben. Wir treten in eine dunkle, kalte Halle, wo ein einziger Umschlag auf dem Tresen mit unseren Schlüsseln liegt. Die Stimmung ist genau so, wie wir sie uns ausgemalt haben. Nur die roten Spannteppiche fehlen. Keine Menschenseele ist zu sehen und es ist totenstill. Wir gehen durch düstere Gänge, durch die Lobby, in der Rentier- und Elchgeweihe hängen, und kommen in einen grossen Saal mit einem Kamin. Darüber hängen zwei Bilder von einem Mann und einer Frau (der Mann gleicht ironischerweise dem Typ mit der Axt). Mit ihrem netten Lächeln schaffen es die beiden nicht, die Stimmung zu ändern.

Hotellobby Fjällgården
Hotellobby oder Filmset?
Wir betrachten die hängenden Skier, die ausgestopften Schneehühner und die weiteren Jagdtrophäen. Wir zucken zusammen, als plötzlich der Kompressor einer der Kühlschränke hinter einem der leeren Tresen anspringt. Schnurstracks suchen wir unser Zimmer und schreiten dabei durch Gänge mit Türen und Vorhängen, die sich durch unser Vorbeigehen leicht bewegen. Oder waren es doch nicht wir, die die Dinger zum wehen brachten? Wir verspüren beide keine Lust, das herauszufinden, und gehen schnurstracks weiter. Wir finden das Zimmer, treten ein und schliessen sofort ab. Hoffentlich stolpert in der Nacht nicht der verrückt gewordene Typ vom Bild mit dem Forstwerkzeug durchs Hotel.

Hotelflur im Fjällgården
Einsamer Flur im Hotel Fjällgården. Kein roter Spannteppich, gruselig ist es trotzdem.

Am nächsten Morgen finden wir heraus, dass tatsächlich noch sechs weitere Gäste hier im Hotel übernachtet haben. Das Frühstücksbuffet ist nicht mal so reduziert wie angenommen, und das Hotel erscheint in der Morgensonne gleich anders. Nach dem Morgenessen zieht es uns rauf in die Berge und wir besteigen den Lillskutan, der auf 1100 Meter über dem Meer liegt. Dort oben regnet es natürlich und wir treffen auf eine Rentierherde.

Fernblick über die jämtländischen Berge

Blick vom Lillskutan in Richtung Triangeln
Blick auf das «Jämtlands Triangeln».

Wir blicken auf die wilde Natur vom schönen Län Jämtland. Entschuldigung, Republik Jämtland. Denn einige Menschen hier oben sehen sich nicht als Teil von Schweden und die Jämtländer*innen sind bekannt für ihre eigene Sicht auf die Dinge. So findet im Sommer jeweils das mittlerweile weit herum bekannte Festival «Storsjöyran» statt, wo auch der Präsident der Republik besonders jämtlandfreundliche Mitternachtsreden schwingt. Vieles ist natürlich auch satirisch und wir bekommen gleich Lust, das Yran und den Präsidenten mal zu besuchen. Das Festival scheint aber wirklich ein Event zu sein, bei dem immer mal wieder auch Weltstars auftreten. So durften auch schon Sting, Lady Gaga, Bryan Adams, Blondie und viele mehr den jämtländischen Präsidenten kennen lernen. Ein offenbar lustiges Völklein, diese Jämtländer*innen.

Blick vom Lillskutan
Blick aus dem Hotelfenster auf den Åresjön.
Am Nachmittag gehen wir in die Sauna des riesigen (leeren) Holiday-Club Komplexes unten am Bahnhof und am Abend essen wir in einer richtig tollen Brasserie zu Abend. Mit dem Taxi fahren wir rauf zum Hotel, den rund 30-minütigen Aufstieg ersparen wir uns am letzten Abend. Die Fahrerin stammt aus Stockholm und sie schwärmt von Åre und seiner Umgebung wie so viele hier. Auch wenn es manchmal mühsam sei, betrunkene Tourist*innen in ihre Hotels zu fahren, geniesse sie ihren Job hier oben im Gebirge. Das Leben hier sei sehr viel entspannter als dasjenige, welches sie aus Stockholm kennt. Mit ihren Eltern habe sie hier die Skiurlaube verbracht und dann irgendwann mitgeteilt, dass sie nach Åre ziehen werde.

Zentrum von Åre
Das Zentrum von Åre in der Zwischensaison.

Oben im einsamen Shining-Hotel recherchieren wir dann noch ein wenig zu Åre, das vor einigen Herausforderungen zu stehen scheint. Das Dorf wirkt in der kurzen Zwischensaison auf uns etwas leer und ruhig. Aber wehe dem, der glaubt, dass das im Sommer und Winter ebenso ist. Die Menschen, mit denen wir reden, beschreiben ein Åre mit tausenden Touristen und Gästen, berichten von prall gefüllten Restaurants, Verkehrstaus und langen Wartezeiten an Skiliften. Ein Grossteil der Gäste stammt übrigens aus Schweden selber, die zwischen 80 und 90% der Besuchenden ausmachen. Die weiteren Gäste kommen vorwiegend aus dem nahe gelegenen Norwegen, nur ein kleiner Teil der Gäste stammt vom restlichen Europa oder von weiter weg. Nach einem grossen Boom in den letzten 20 Jahren hat sich das Wachstum in den letzten Jahren verlangsamt. Grund dafür ist nicht nur die stagnierende Nachfrage, denn auch die Infrastruktur konnte nicht mit dem Wachstum mithalten. Sie muss, wenn Åre noch weiter wachsen will, massiv ausgebaut werden. So beispielsweise die Kläranlagen, die zur Hochsaison völlig ausgelastet sind. Åre hat daher ein Baumoratorium verhängt - es dürfen, bis die Infrastruktur ausgebaut ist, keine weiteren touristischen Anlagen errichtet werden. Hinzu kommt der Klimawandel, der dem weltbekannten Skiort zusätzlich zu schaffen macht: Die Winter sind längst nicht mehr so schneereich wie früher und die Pisten kommen auch hier, so weit hoch im Norden, ohne künstliche Beschneiung nicht mehr aus.

Auch der Transport der Tourist*innen von und nach Åre verlangt offenbar einiges an Kapazität, was wir an den sehr langen Intercity- und Nachtzügen erkennen. Jetzt in der Zwischensaison sind sie fast leer, in der Hauptsaison wohl gerappelt voll.

Åre besitzt trotz all den Herausforderungen einen speziellen Charme. Denn es wirkt auf uns nicht überaus gross oder protzig. Vielleicht sind nicht alle Häuser schön, aber sie sind so ins Dorfbild eingegliedert, dass sie nicht stören. Sicher vergleichbar mit einigen kleineren Skiorten in der Schweiz, denken wir. Der Ski- und Sommerzirkus mit all seinen Vor- und Nachteilen beschränkt sich hier allerdings auf die Orte Åre, Duved, Storlien und Järpen, während es rundherum noch viel weite, unerschlossene und wilde Natur gibt.

Zentrum von Åre
Åre hat Charme – Ein Weg durch den Park führt direkt an den Bahnhof.

P. S.: Wer jetzt Lust auf Åre und spannende Krimis bekommen hat, dem empfehlen wir die neueste Buchreihe der schwedischen Bestsellerautorin Viveca Sten, welche bereits drei Bücher über Hanna Ahlander, der Ermittlerin aus Stockholm, die nach Åre zog, geschrieben hat. Bekannt wurde Sten durch die Krimis aus dem kitschigen Schärengarten vor Stockholm, jetzt hat es ihr das jämtländische Åre angetan. Wie der Taxifahrerin ist es auch Viveca Sten ergangen, sie hat Åre als Kind mit ihren Eltern im Skiurlaub kennen und schätzen gelernt. Die Krimis sind hochspannend, und wenn man anschliessend Åre besucht, kommen einem die Orte gleich bekannt vor. Sehr treffend setzt Viveca Sten zudem Åre und seine wilde Umgebung in Szene.

Schwedenreisli