Bevor wir uns wieder in den Nachtzug nach Tornio setzen, schauen wir am Bahnhof von Kolari noch einigen Rangiermanövern zu. Nach ganzen zwei Tagen ohne Züge tut das unseren Seelen richtig gut. Bei unserem Zug Richtung Helsinki werden nämlich wieder die Autos einiger Mitreisenden auf die verrückten Autotransportwagen geladen. Ein tolles Angebot, das offenbar rege genutzt wird. Die Autos werden übrigens vom Eisenbahnpersonal verladen. Am Endbahnhof fahren die Mitarbeitenden die Fahrzeuge dann wieder vom Zug. Das werden wir nicht mehr mitbekommen, denn so weit nach Süden fahren wir heute mit dem (Nacht-) Zug nicht.

Während wir auf einer Bank noch einen Apéro geniessen, füllt sich der Bahnhof langsam mit Menschen. Es gibt getrocknetes und geräuchertes Rentier aus Äkäslompolo (dort wo der Elch steppt), ein Stück finnischer Käse und Knäckebrot. Das Wetter hat umgeschlagen, es ist richtig warm geworden und die Polarstation glänzt in der Abendsonne.

Wir besteigen den Zug, der auf die Minute pünktlich abfährt und machen uns gleich auf den Weg zum besten Wagen des Zuges, um etwas zu essen. Ein kleines Detail am Rande: Bei Wagenübergängen riecht es normalerweise nach Schmierfett und Eisenbahn, im Übergang zum Speisewagen hingegen nach Fleischbällchen und Kartoffelstock. Heute entscheiden wir uns aber für die Lachssuppe, die uns sehr gut schmeckt. In der untergehenden Sonne schlängelt sich der Zug durch die Wälder, bis plötzlich ein Raunen durch das Restaurant geht. In Fahrtrichtung rechts erscheint plötzlich der riesige und eindrückliche Fluss Torneälven, wo das Wasser wild um die Felsen tanzt. Am Tisch neben uns wird dies mit einem lauten «Oioioioioi» kommentiert. Wie schön ist doch das Reisen im Speisewagen. Alles, was eine perfekte Zugfahrt ausmacht, kommt hier zusammen.


Langsam nähern wir uns Tornio, das nicht weit von unserem heutigen Tagesziel Haparanda liegt. Mit dem Zug geht es für heute leider nicht mehr weiter. Weshalb das so ist, möchten wir kurz erläutern, beziehungsweise euch eine Geschichte erzählen:
Die Geschichte beginnt mit dem eben erwähnten Fluss Torneälven. Dieser fliesst zwischen dem finnischen Tornio und dem schwedischen Haparanda dem Bottnischen Meer entgegen. Er stellt über stolze 170 Kilometer auch gleich die Landesgrenze der beiden Länder dar, zahlreiche Brücken verbinden Schweden mit Finnland. So auch hier, zwischen Haparanda und Tornio. Sogar eine Eisenbahnbrücke gibt es. Seit vielen Jahren verkehren über das hübsche blaue Stahlbauwerk jedoch keine Personenzüge mehr und die Eisenbahnnetze waren lange getrennt. Das hat sich seit dem Frühjahr 2025 glücklicherweise geändert. Finnland und Schweden haben mit grossem finanziellem Aufwand die Eisenbahnlinie zwischen den beiden Ländern ausgebaut, elektrifiziert und die historische Brücke umfassend saniert. Die Strecke ist also seit diesem Jahr aus dem Dornröschenschlaf erwacht und die beiden Länder sind nun wieder über das Schienennetz verbunden. Eine schöne Geschichte, die hier so nett endet. Beziehungsweise enden könnte, denn sie tut es nicht.

Mit dem Abschluss der letzten Etappe kommunizierte das länderübergreifende Projekt Anfang 2025 stolz, dass die Arbeiten nun abgeschlossen seien und die Strecke feierlich für den Zugverkehr freigegeben werden kann. Noch mehr freuten wir uns: Wir wollten zu den ersten gehören, welche diese Brücke wieder per Bahn überqueren können. Der letzte Satz in der Kommunikation des Projekts machte uns dann aber einen Strich durch die Rechnung: Es gehe nun in einem nächsten Schritt darum, einen möglichen Betreiber von Zugverbindungen zu eruieren, welcher ein passendes Angebot auf dieser neuen Strecke fahren kann. Eine Eisenbahnlinie macht schliesslich nur dann Sinn, wenn auch Züge darauf fahren. Schade, dass nicht während der langen Bauzeit ein Betreiber ausfindig gemacht wurde, der, sobald die Strecke offen ist, Züge darauf fahren lässt.
Mit gemischten Gefühlen überqueren wir also den Fluss zu Fuss, während die Sonne untergeht. In der Ferne blicken wir auf die blaue Brücke: Wir geben nicht auf und irgendwann werden wir es schaffen, das lieblich fliessende Nass aus einem Zugfenster zu betrachten. Auf einem zukünftigen Schwedenreisli, versteht sich.
Mit dem Überqueren des Flusses gewinnen wir aber auch etwas, denn genau an der Grenze zwischen Finnland und Schweden dürfen wir unsere Uhren wieder eine Stunde zurückdrehen: In Schweden herrscht wieder die mitteleuropäische Zeit. Wir sind in Haparanda angekommen.

P. S.: Auf den Moment, den Torneälven zu Fuss zu überqueren, haben wir uns natürlich akribisch vorbereitet und einen strategisch geschickten Plan ausgeheckt: Wir werden die Busverbindungen nach Haparanda rüber stur ignorieren und stattdessen die 4.6 Kilometer zu Fuss in Angriff nehmen. Wenn kein Zug fährt, dann spazieren wir eben nach Haparanda. Nicht mit uns - in einen Bus setzen wir uns nicht.
Dass ein bisschen Trotz im Gepäck mitschwingt, ist schwer abzustreiten. Und: Da sowieso kein Zug fährt, erwägen wir sogar kurz, ob wir aus reinem Protest gleich über die Eisenbahnbrücke gehen sollten. Wir verwerfen den Gedanken aber wieder. Vermutlich wäre das dann doch etwas zu aktivistisch. Wir sind korrekt und wollen es bleiben. Zudem möchten wir unser Anliegen über fehlende Zugverbindungen nicht auf einer Polizeistation in Tornio oder Haparanda, je nachdem wo auf der Brücke wir erwischt würden, erklären.

