Der Wecker weckt uns kurz nach 5 Uhr morgens, denn unser Zug in Richtung Kinnekullebanan fährt bereits um 6 Uhr. Doch es kommt anders. Früh morgens zeigt eine Nachricht auf unserem Handy an, dass unser Zug ausfällt. Wir kommen etwas in Stress, denn damit wird die Chance immer kleiner, mit der besagten Bahn fahren zu können. Das Planen von Reisen auf diese Weise wirkt auf uns wie ein Fahrplanbingo, das man nur mit Ausdauer, Geschick und viel Glück gewinnen kann. Da Bingo (neben Jagen und Fischen) aber zu den beliebtesten schwedischen Sportarten gehört, spielen wir mit. Zugegeben – die Reisepläne eines Schwedenreislis entsprechen wohl nicht einer Strecke, welche PendlerInnen hierzulande täglich auf ihre Schultern nehmen würden. Wir nehmen es entsprechend gelassen und wie immer mit viel Humor.
Bingo ist per Definition ein Spiel, also spielen wir mit. Wir tun erstmals so, als ob der Zug fahren würde, in der Hoffnung, dass vielleicht ein Ersatzzug bereit steht. Der Zug fährt aber tatsächlich nicht. Die erste Partie haben wir damit verloren wir stürzen uns mutig in die zweite Runde: Wir suchen eine ausgeklügelte Verbindung via Hallsberg mit einem nicht vorgesehen 2-Minutenanschluss. Genau die richtige Strategie, denken wir. Denn damit rechnet niemand und wir sind überzeugt, dass dieser Schachzug zu unseren Gunsten ausfallen wird. Und tatsächlich – nach einem stürmischen Umsteigevorgang und einem Sprint über Rolltreppen und Passerellen, stehen wir eine Minute vor Abfahrt vor dem blauen Kinnekullezug, mit dem wir unbedingt fahren möchten. 1:1 – diese Partie ist gewonnen. Dass sich der Zug erst 12 Minuten nach der geplanten Abfahrtszeit in Bewegung setzt, ignorieren wir gekonnt.

Hallsberg liegt etwa auf halber Strecke zwischen Göteborg und Stockholm. Von hier fahren Züge nach Mariestad und weiter nach Lidköping. Diese Strecke wird Kinnekullebanan genannt, benannt nach dem Tafelberg Kinnekulle, an dem die Strecke entlang führt.
Pro Tag fahren nur eine handvoll Züge auf der Kinnekullebanan und die Anschlüsse wirken eher zufällig. Darum sind wir froh, dass es mit einigen Tricks doch noch geklappt hat.
Das Züglein verlässt bald die Hauptstrecke und taucht erstmal in Wälder ein. Es hält an kleinen Bahnhöfen, wo die drehbaren Haltetafeln, die wir auch auf der Inlandsbanan gesehen haben, noch an vielen Bahnhöfen stehen. Es sind nicht viele Fahrgäste auf dem Zug, was die geringe Bedeutung der Strecke für den PendlerInnenverkehr bestätigt. Jedenfalls ist die Strecke landschaftlich richtig schön.

Kurz vor Mariestad fahren wir über den Göta Kanal, den langen Wasserweg der Göteborg über verschiedene Seen (u. a. die grossen Seen Vänern und Vättern) mit Stockholm verbindet. Nach Mariestad steigt die Strecke dann an und wir blicken immer wieder auf den grossen See Vänern aus dem Fenster. Erneut staunen wir über die Grösse des Sees. Da man das andere Ufer nicht sehen kann, kommt rund um den See immer mal wieder Meeresstimmung auf.

Das gilt auch für das hübsche (und ebenfalls gut aufgeräumte) Städtchen Lidköping im Süden des Sees. Dort endet die Kinnekullebanan.

Als Folge unserer Fahrplanspielchen müssen wir nun den Bus nach Skövde nehmen, damit wir mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Stockholm weiterreisen können. Das klappt perfekt und am späteren Nachmittag erreichen wir Stockholm. Als wir dort wieder festen Boden unter den Füssen haben, geben wir uns stolz die Hand. Die Kinnekullebanan verlangte uns so Einiges ab. Wir gaben nicht auf, wir haben es geschafft und glauben das heutige Bingo gewonnen zu haben.

In Stockholm erwartet uns wunderbares, warmes Sommerwetter. Die Stadt zeigt sich in ihren schönsten Farben und wir sind mittendrin. Wir fahren mit der Tunnelbana, der Metro von Stockholm, auf den Södermalm. Das freut François besonders, da er bekanntlich U-Bahnen, und insbesondere diejenige von Stockholm, mag.

Die Stimmung in diesem Stadtteil – oder besser gesagt Insel – gefällt uns sehr. Da gibt es nette Kaffees und Bars, tolle Läden und gute Restaurants. Wir erkunden den westlichen Teil des Söders und fahren mit Mietfahrrädern an das südliche Ende. Dort gibt es eine Fähre, die den Södermalm mit anderen Stadtteilen auf weiteren Inseln verbindet. In der Brauerei Nya Carnegiebryggeriet trinken wir ein Bierchen und schauen dem Treiben im Stadtteil Luma zu. Und wir verstehen erneut, weshalb uns diese Stadt so gefällt. Sie liegt auf verschiedenen Inseln, die Natur scheint immer ganz nah, in den Parks watscheln Wildgänse an Menschen vorbei, die in der Sonne liegen, ein Buch lesen oder feiern. Die Stadt ist ruhig, dem Verkehr und dem Lärm kann man schnell entfliehen. Und bei diesem Wetter ist es besonders schön, sich dieser ruhigen aber mondänen Stimmung hinzugeben.

Wir übernachten im Scandic Hotel am Hötorget, einem sehr zentralen und grossstädtisch wirkendem Platz. Am Tag ist dort ein Markt, am Abend sind viele Menschen auf dem Platz und gehen in die Bars und Restaurants rund um diesen. Der Standort des Hotels ist perfekt und wer wie wir so richtig in die Stadt eintauchen möchte, dem empfehlen wir dieses Hotel.

Etwas müde vom Fahrplanbingo und mit vielen schönen Eindrücken von Stockholm schlafen wir ein. Die nächsten Tage werden wir in Südschweden in einem Haus verbringen. Da werden wir uns erholen, die Eindrücke dieser verrückten Reise verarbeiten und es auch geniessen, nicht ständig auf Achse zu sein. So jedenfalls unser Fahrplan.

Reiseübersicht
- 19. Juni – Das Rätsel und die Göteborgfähre
- 20. Juni – Gewitterwolken und die rostenden Kähne
- 21. Juni – Schärenhüpfen und die fiese Helix
- 22./23. Juni – Der Norden und das Vorfach
- 24. Juni – Die Inlandsbanan und die Bachforellen
- 25. Juni – Räucherfisch und der rauchende Abfalleimer von Storuman
- 26. Juni – Restauranttipps und die schlaflose Stadt Östersund
- 27./28. Juni – Falun und der Kupferbock
- 29./30. Juni – Fahrplanbingo und das schöne Stockholm

