Der nächste Morgen beginnt früh. Um 8 Uhr fährt unser Zug. Als wir die Augen öffnen, ist es immer noch gleich hell wie am Abend zuvor, nur die Sonne ist etwas gewandert. Trotz der Mitternachtssonne ist es ziemlich frisch.

Bus statt Inlandsbanan am Bahnhof Gällivare.
Die heutige Zugreise startet mit einem Bus.

Am Bahnhof angekommen bewahrheitet sich, dass wir den ersten Teil Richtung Süden wegen Bauarbeiten mit einem Bus in Angriff nehmen müssen. Kurz darauf sitzen wir mit den anderen Reisenden im Bus, inklusive unserem Reisebegleiter, der sich als Alex vorstellt. Er begrüsst uns sehr freundlich und teilt uns mit, dass wir nicht lange im Bus sitzen werden, in Jokkmokk warte bereits der Zug auf uns.

Da es sich um eine rein touristische Strecke handelt, erzählt er uns immer mal wieder Geschichten über den Ort, an dem wir uns gerade befinden und liefert zum Beispiel spannende Fakten zu den zahlreichen Wasserkraftwerken am Rande der Strasse. Da wir in einem Bus sitzen, in dem ziemlich häufig gut gelaunte Durchsagen gemacht werden, kommt es uns vor, als wären wir auf einer Kaffeefahrt. Gespannt warten wir also darauf, dass Heizdecken, Rentierfelle, Geweihe oder sonstige getrocknete Körperteile von wild lebenden Tieren verkauft werden.

Nun, zum Glück passiert das nicht. Stattdessen überqueren wir einen Bahnübergang und Alex teilt uns mit, dass wir auf diesen Gleisen fahren würden, wenn nicht daran gearbeitet würde. Auch er fährt lieber Zug, glauben wir zu spüren. Und wir freuen uns, als wir endlich den kleinen Zug der Inlandsbanan in Jokkmokk besteigen dürfen.

Ein Triebwagen der Inlandsbanan am Polarkreis.
Wieder auf Schienen unterwegs: Der Zug hält an interessanten Punkten auf der Strecke, wo man immer mal wieder kurz aussteigen kann. So wie hier am Polarkreis.

Wir sind schwer bepackt und haben viel Essen und grosse Pläne dabei. Wir werden an der verlassensten Haltestelle dieser Strecke aussteigen und 24 Stunden dort verbringen. Der Zug verlässt Jokkmokk und taucht in eine wilde und tiefgrüne Landschaft ein. Oft verläuft die Strecke auf einem Damm und an den Seiten blicken wir auf Moore, Seen, Wälder und raue Steinlandschaften.

Blick aus dem Führerstand auf die Strecke.
Blick aus dem Führerstand auf die grünen und wilden Landschaften Lapplands.

Immer wieder sehen wir Rentiere in den Wäldern stehen, teilweise auch nahe an den Gleisen. Der Lokführer zieht plötzlich an der Bremse, hupt, dann rumpelt es ziemlich heftig. Traurigerweise ist der Zug in eine auf den Gleisen stehende Rentierherde gefahren. Einige Tiere haben das offensichtlich nicht überlebt. Der Zug hält an und der Lokführer kontrolliert das Fahrzeug, das den Aufprall anscheinend unbeschadet überstanden hat. Unser Reisebegleiter Alex erklärt uns, dass nun ein Wildhüter kommen und den Unfallort begutachten wird. Die Sami, die in Lappland lebende indigene Bevölkerung, erhalten von der Regierung einen Schadensersatz pro verstorbenes oder verletztes Tier. Ein trauriges Erlebnis, das aber hier oben im Bahnbetrieb dazugehören scheint.

Zug der Inlandsbahn in der grünen Landschaft.
Mit den Zügen der Inlandsbanan erreicht man sehr abgelegene Orte.

Bereits nach zwei Stunden kommen wir an der Endstation unserer heutigen Reise an. Sie heisst Piteälvsbron und der Bahnhof, oder besser gesagt die Haltestelle, liegt unmittelbar vor der Brücke über den Fluss Piteälven. Bereits bei der Ankündigung der Station weist Alex die anderen Fahrgäste darauf hin, dass uns zwei Reisende hier verlassen werden – und das sind wir. Unter neugierigen Blicken steigen wir aus und winken den anderen Fahrgästen nach, als sich der Triebwagen in Richtung Süden in Bewegung setzt.

Die Piteälvsbron führt über den breiten Piteälven.
Die Brücke teilen sich Schiene und Strasse - eine der letzten Brücken dieser Art in Schweden.

Dann kehrt Ruhe ein und wir hören nur noch Vogelgezwitscher und den wilden Piteälven.

Die Station Piteälvsbron liegt einsam zwischen Wald und Brücke.
Die Station Piteälvsbron, unmittelbar vor der Brücke über den Fluss.

Wir stellen das Zelt gleich neben dem Häuschen am Bahnhof auf und machen ein Feuer. Für 24 Stunden bleiben wir hier und unser einziger Programmpunkt wird der Gegenzug nach Gällivare sein, der hier gemäss Fahrplan um 18:30 vorbeikommen wird.

Blick von der Piteälvsbron auf den wilden Piteälven.
Erst als wir auf der Brücke stehen und über den mächtigen Fluss blicken, realisieren wir, wie wild und schön es hier tatsächlich ist.

Wir versuchen es mit dem Fischen, ohne Vorfach wohlbemerkt, und es will nicht klappen. Bei unserem Versuch verlieren wir weitere zwei Köder und haben am Ende des Nachmittags noch genau einen. Einen sehr farbigen. Wir befürchten, dass die Fische diesen, wie wir, ebenfalls etwas zu bunt empfinden.

Die Station Piteälvsbron aus dem Wald.
Die Station, wunderschön am Waldrand gelegen, ist unser Lager für die Nacht.

Die Ruhe an der Brücke ist erfrischend. Abgesehen von einer Million Mücken und ab und zu einem Auto, das über dieselbe Brücke wie der Zug fährt, passiert absolut nichts. Aber da war doch noch was. Das Läuten der Bahnschranke um 18:30 erinnert uns an den einzigen Zug, der unseren Bahnhof heute nordwärts passiert.

Der Zug hält, viele gut gelaunte Touris fluten unseren Bahnhof und machen Fotos von der Brücke. Keine 10 Minuten später steigen zum Glück alle wieder ein und der Spuk ist vorbei.

Die Piteälvsbron am Abend.
Nachdem der abendliche Zug unseren Bahnhof verlassen hat, kehrt wieder Ruhe ein.

Auf dem Feuer kochen wir unser Nachtessen und blicken immer wieder zu unserer Fischerrute mit dem letzten verbleibenden Köder. Sollen wir ins Risiko gehen und diesen auch noch versenken? Zu verlieren haben wir nichts.

Der Fluss Piteälven am Abend mit untergehender Sonne.
Der Fluss am Abend.

Kurz darauf stehen wir natürlich am Ufer des Flusses und werfen die Angel in den strömenden Piteälven. Und tatsächlich zappelt es an der Rute und wir ziehen eine wunderschöne Bachforelle an Land. Fünf Minuten später beisst ein zweiter Fisch. Da wir bereits fürstlich gespiesen haben, lassen wir die Tiere wieder frei. Was für ein schönes Erlebnis. Es fühlt sich gut an zu wissen, dass es hier noch reichlich Fische gibt. Und wir lesen, dass der Piteälven zu den wenigen Flüssen in Europa gehört, wo noch vieles intakt ist.

P. S.: Trotz penibler Vorbereitung in der vorausschauenden Planung schwinden unsere Wasservorräte erstaunlich schnell. Johnny wird etwas unbehaglich und zweifelt an den Rationen, die zur Verfügung stehen. Auch François beginnt an den Reserven zu zweifeln. Trinkwasser gibt es hier keines und laut kurzer Recherche ist das Flusswasser auch nicht über alle Zweifel erhaben. Kurz beraten wir, was wir tun können, und kommen auf eine geniale Idee: Der Zug Richtung Norden hat ein kleines Bistro an Bord. Und der Zug wird auch etwas länger halten, damit Fotos gemacht werden können. Während die Touris also Fotos knipsen, kauft Johnny am Kiosk noch einen Liter Reservewasser über die Gasse, Entschuldigung, Schiene natürlich.

Der letzte Zug in Richtung Nord.
Der einzige und damit der letzte Zug in Richtung Nord hält an unserem Bahnhof. Er wird zum rollenden Kiosk.