«Ach, Göteborg», sagt Johnny, als er die Stadt während des heftigen Regenschauers bei der Einfahrt durch den Nebel erblickt. Nach dem spektakulären Sonnenuntergang bei wolkenlosem Himmel gestern, erwarten uns nach dem Aufstehen dicke Gewitterwolken an Deck. Es regnet – mit dem haben wir nicht gerechnet. Die Fahrt durch die Schären vor Göteborg ist damit aber nicht weniger beeindruckend – im Gegenteil – zwischen den Nebelschwaden wirken die kargen Inselchen noch wilder und geheimnisvoller.

Kaum war die letzte Schäre umschippert, das Schiff steuerte in Richtung Hafen, setzte heftiger Gewitterregen mit Blitzen ein.

Der Regen war so heftig, dass er über irgendeine Schwachstelle sogar ins Schiff gelangen konnte. Ein Treppenhaus verwandelte sich in einen regelrechten Wasserfall (ja, ein bisschen Seemansgarn darf sein) und die Crew versuchte verzweifelt, das reichlich fliessende Wasser mit Tüchern und Saugern in Schach zu halten.

Göteborg zeigte sich mit diesem Wetter allerdings von seiner typischen Seite, denn hier regnet es aufgrund der Nähe zur offenen See oft. Grosse Pfützen gehörten in dieser Stadt dazu, meint Johnny, der schon während seinem Austauschsemester seine einschlägigen Erfahrungen damit gemacht hat. Kaum gesagt versperrt uns ein kapitales Exemplar einer solchen den Weg zu unserem Hotel.

Der Charme dieser Stadt, eine interessante Mischung zwischen der Rauheit einer Hafenstadt und lieblichen Gegenden mit schönen stattlichen Häusern und Parks, wird dadurch aber in keiner Weise geschwächt. Zu diesem Charme gehören auch die gefühlt ewig dauernden Baustellen im Zentrum und das schnell wechselnde, wilde Wetter.

Wir mussten noch ein Geschäft erledigen. Denn bis vor wenigen Stunden führten wir eine Tragtasche mit einem geheimnisvollen grauen Paket drin mit uns mit. Das Paket müssen wir an den Stadtrand von Göteborg bei einem Nachbarn des Empfängers abliefern, so die Weisung unserer Auftraggeberin. Gemäss uns verfügbarer Informationen befinden sich im Paket einige Flaschen des schweizerischen Nationalgetränks, was wir aber natürlich nicht überprüft haben. «Mission accomplished», denken wir, nachdem wir das Paket einem strahlenden, schweizerdeutsch sprechenden Mann übergeben haben. Wir nutzten die Zeit gleich auch für den Besuch verschiedener Orte und Ecken, die gute Erinnerungen bereithalten. Von Johnnys Studienzeit, aber mittlerweile auch von gemeinsamen Schwedenreisli-Zeiten. Göteborg hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Wo vor fünf Jahren noch Industriebrachen und Zwischennutzungen waren, stehen nun Hochhäuser und neue Wohnquartiere. Vieles ist aber auch gleich geblieben. Die grossen Bäume, die grünen Hinterhöfe und die Tramlinien, die kreuz und quer durch die Stadt führen und mit denen man geplant oder ungeplant neue Orte entdeckt.

Bei unserem Streifzug standen wir auch einige Male vor verschlossenen Türen von Museen oder Restaurants. An «Midsommardagen», dem Tag nach «Midsommarafton», sind nämlich viele Geschäfte und Museen in Schweden geschlossen. Einer der wenigen Tage im Jahr, wo bezüglich Öffnungszeiten Ausnahmezustand herrscht. Dass dies auf Onlinedienste wie Google nicht sauber nachgetragen ist, macht das Ganze allerdings nicht einfacher. Bei unserem Spaziergang in Göteborg zeigte sich dann die Sonne doch noch und das Schiffsmuseum Maritiman hatte tatsächlich geöffnet. Unter anderem kann man dort ein schwedisches Kriegsschiff und ein U-Boot besichtigen. Das Museum ist einen Besuch wert. Nebst erschreckend vielen Kanonen und Raketen, die auf so einem Schiff Platz finden, war es beeindruckend zu sehen, wie viel sonstige Technik auf diesen Schiffen verbaut ist. Uns ist dabei auch aufgefallen, dass praktisch alle elektrischen und mechanischen Bauteile ein Logo eines schwedischen Industriebetriebs aufweisen (der geräumige Backofen auf dem Zerstörer HMS «Småland» ist übrigens von Electrolux). Wir diskutieren über die gesellschaftliche Bedeutung der Rüstungsindustrie, über deren Innovationspotenzial und die gleichzeitige Sinnlosigkeit von Kriegen.

Nach gut zwei Stunden hatten wir dann genug von rostenden Schiffen, Funkräumen, Steuerständen und Kriegsmunition und gehen von Deck.
P. S.:
Eine kurze, für ein Schwedenreisli sehr typische Episode, möchten wir euch nicht vorenthalten. Der Weg zum Bahnhof ist aufgrund der genannten Bautätigkeiten und der Pfütze etwas beschwerlich. Vor uns sehen wir die Eingänge zum Bahnhof und steuern entschieden, aber in tiefe Gespräche vertieft, darauf zu. Der direkte Weg führt allerdings über die grosszügig dimensionierte Einfahrt für Busse zum Busbahnhof. Wir hören einen kurzen, ohrenbetäubenden Pfiff von einem Sicherheitsbeamten, der wild mit den Händen fuchtelt. Er weist uns an, bitte diese Abkürzung nicht zu nehmen und zurück zur Strasse zu gehen. Wir leisten Folge. Einige Sekunden später ertönt eine Durchsage auf Schwedisch und Englisch über den gesamten Platz, dass das Betreten des Busplatzes nicht erlaubt ist und Fussgänger das Gelände umgehend zu verlassen haben.
Ach, Göteborg. Fast hätten wir vergessen, dass wir wieder im gut organisierten Schweden sind. Der Ordnungshüter hat die Durchsage nämlich direkt über sein Smartphone auslösen können, wie wir vermuten.


