Am gestrigen Abend zogen die Gewitterwolken weiter und ein wolkenloser Abendhimmel leuchtete über der Stadt.

Der Stadtteil Haga bei Abendsonne, im Hintergrund ragt der Karlatornet über den Bäumen auf.
Fast schon kitschig: Der Stadtteil Haga im Vordergrund, die Abendsonne und der Karlatornet im Hintergrund.

Während der Nacht blieb dies anscheinend so, denn am Morgen wartet ein stahlblauer Himmel auf uns. Nach dem Morgenessen gehts mit einem der blau-weissen Trams schnurstracks in Richtung Saltholmen. Denn von dort fahren die so genannten Schärenhüpfer in das südliche Archipel der Schären vor Göteborg. Als Schärenhüpfer werden Schiffe genannt, welche von Schäre zu Schäre fahren und da diese teilweise sehr eng beieinander liegen, halten die Schiffe eben alle paar Minuten. Sie hüpfen fröhlich durch den Schärengarten und erschliessen die Inseln zuverlässig. Wir hüpfen für heute mit.

Das weisse Schärenfährschiff Silvertärnan fährt bei blauem Himmel durch die Göteborger Schären.
Ein Schärenhüpfer.

Die Schiffe sind im ÖV-Ticket der Stadt inkludiert, denn nicht nur TouristInnen fahren mit diesen Schiffe. Die InselbewohnerInnen benutzen diese Schiffe nicht nur, um zu ihren Häusern zu gelangen, sondern auch, um die unmöglichsten Dinge auf die Inseln zu schleppen. Mit uns an Bord war beispielsweise auch ein praktisches Bettsofa, das wohl wenige Minuten nach dem Anlegen des Hüpfers auf Styrsö, in einer Stube eines weissen Häusleins ein neues Plätzchen fand.

Ein Bettsofa wird am Anleger von Styrsö vom Schiff getragen.
Ein neues Sofa für Styrsö.

Als Schären werden die flachen, und hier in Göteborg kargen Inselchen genannt, die während den Eiszeiten vor einigen Küsten des Skandinavischen Schildes entstanden sind. Kilometerdickes Eis hat diese Landschaft während über 100’000 Jahren geformt und nachdem das Eis geschmolzen war, hoben sich die vom Gletscher abgeschliffenen Granitfelsen. Und der Meeresspiegel stieg. Was heute aus dem Meer ragt, ist eine eiszeitliche Landschaft, die ihresgleichen sucht.

Glatte Granitfelsen und karge Schären liegen unter blauem Himmel am Meer.
Die vom Gletscher geschliffenen Granitfelsen.

Nach nur einer Stunde Fahrt erreichen wir Vrångö, die südlichste bewohnte Insel des Archipels und nach der lauten und quirligen Stadt eine gefühlt andere Welt. Hektik gibt es hier nicht, das merken wir schnell.

Unser Weg führt uns auf der autofreien Insel über eine kleine Anhöhe ins Zentrum von Vrångö. Breite Strassen gibt es hier nicht. Die Häuser auf der Insel befinden sich in einem kleinen Weiler in der Mitte der Insel. Der Norden und der Süden der Schäre sind wild und karg. Die weissen Häuser stehen dicht beieinander, in den Gärten blühen Blumen und immer wieder eröffnen sich hinter den Gassen Blicke aufs Meer, das türkisgrün schimmert und je weiter man hinaus schaut, tiefblau wird.

Kleine Häuser und Boote liegen am Wasser im Zentrum der Schäreninsel Vrångö.
Das Zentrum der Schäreninsel Vrångö.

Man riecht das Meer, abseits des Hafens und der Häuser herrscht absolute Stille. Es weht ein leichter Wind über die Felsen. Zwischen ihnen liegen die Häuser mit ihren gepflegten Gärten, zwischen den Steinen wachsen Schilf und Büsche.

Blick über Granitfelsen, Wiesen und das Meer bei Vrångö.
Schärenstimmung pur.

Uns zieht es ans südliche Ende der Insel und wir packen das erste Mal unsere Angelrute aus, mit der wir massenhaft Lachs aus dem Piteälven ziehen werden. Wir fischen beide das erste Mal im Meer und sehen vor uns einen reichen Fang bestehend aus Dorschen, Seeteufeln, Lachsen, Krabben und Flundern. Nun, die Trainingseinheit fällt dann aber eher spärlich aus, wir fangen aber zwei Algen (eine davon sogar samt Wurzel) sowie zwei Quallen, die sich in unserem Haken verheddert haben. Mit gut gewaschenen Ködern verlassen wir die Küste und ziehen in ein kleines Wäldchen in den Schatten, um uns von diesem überwältigenden Erfolg zu erholen.

Ein schmaler Trampelpfad führt zwischen Granitfelsen und Büschen Richtung Meer.
Der Trampelpfad am südlichen Ende von Vrångö.

Beim Abendprogramm musste dann ein Knaller her. Statt einem gemütlichen Restaurant oder kitschigem Sonnenuntergang entscheiden wir uns, den Freizeitpark Liseberg zu entdecken. Liseberg gilt als der beste Freizeitpark Skandinaviens und ist einer der Gründe, warum Göteborg bei TouristInnen immer beliebter wird. Der Park gehört der Stadt Göteborg und wurde ursprünglich als temporäre Installation im Jahr 1923 zum 300. Geburtstag der Stadt installiert. Es erwarten uns wilde Achterbahnen in einem parkähnlichen Gelände.

Die Station der Lisebergbanan mit rotem Backsteingebäude und grünen Achterbahnschienen im Freizeitpark Liseberg.
Die Bahnhofsstrasse in Liseberg. Statt einer gemütlichen Zugfahrt wartet dort ein wilder Ritt.

Und tatsächlich, die Werbung hat nicht zu viel versprochen. Bei uns beiden ist es einige Jahre her, seit wir das letzte Mal auf einer Achterbahn in den Sitz gedrückt wurden. Trotzdem steuern wir als erstes furchtlos und zielstrebig auf die grösste und steilste aller Achterbahnen zu. Wir setzen uns in den Sitz, eine freundliche Mitarbeiterin nimmt unsere Sonnenbrillen ab und kontrolliert, ob Bügel und Gurt auch wirklich fest sitzen. Wir tauschen skeptische (vielleicht auch etwas unsichere) Blicke aus und die Fahrt beginnt. Der Wagen fährt steil nach oben, stoppt kurz und dann geht es senkrecht in die Tiefe. Damit nicht genug, wir werden kopfüber durch wilde Kurven und Loopings geschleudert und ehe wir wirklich realisieren was gerade passiert, sind wir schon wieder am Ziel.

Ziemlich stolz, wie wir diese erste Bahn mühelos geschafft haben, geht es sofort zur nächsten. Weil an diesem Abend nur noch wenige Leute im Park sind, müssen wir kaum anstehen. Diese vermeintlich tolle Tatsache wird uns blutigen Anfängern bald zum Verhängnis werden.

Es folgt die Holzachterbahn mit wilden Geschwindigkeiten auf knarrigen Balken. Nun schlottern uns erstmals leicht die Knie. Unbeirrt davon ziehen wir wie zwei kleine Jungs schnurstracks zur Achterbahn mit dem harmlosen Namen «Helix». Und bei der Helix müssen wir (im Nachhinein) feststellen – der Name ist durchaus Programm.

Während der Fahrt drehen wir uns in unheimlicher Geschwindigkeit kopfüber, werden in alle erdenklichen Himmelsrichtungen geschleudert (und wieder zurück), innert Sekunden werden wir in den Sitz gedrückt und kurz darauf in die Gegenrichtung aus dem Sitz gezogen. Das Gefühl, wo oben und unten sowie wo links und rechts ist, entweicht uns auf der deutlich windschief angelegten Bahn.

Einer von uns beiden versucht sich danach an seine letzte Mahlzeit zu erinnern und fragt sich, wie weit der Verdauungsprozess wohl schon fortgeschritten ist. Zum Glück gibt es genügend Sitzgelegenheiten im Park und ein Getränkeautomat in dem eine kühle Flasche Cola auf uns wartet. Immer wieder schauen wir uns an und wissen nicht genau, ob wir lachen oder doch besser schweigen sollen.

Achterbahnen ragen in Liseberg zwischen vielen Bäumen in die Höhe.
Auf Liseberg ragen aus dem Blaubeerwald windschiefe Ungetüme.

Dann wird klar: Wir müssen eine Pause einlegen. Eine kleine Mahlzeit und ein ruhiger Spaziergang durch den Park bringen die Lebensgeister langsam zurück. Möglicherweise waren drei Achterbahnen ohne Anstehen kurz hintereinander doch ein etwas steiler Einstieg.

Eine belebte Gasse mit Geschäften und Verpflegungsmöglichkeiten im Freizeitpark Liseberg.
Nebst wilden Achterbahnen gibt es in Liseberg auch viele kleine Geschäfte und Verpflegungsmöglichkeiten.

Nach gut einer Stunde und einer deftigen Mahlzeit ist der Spuk dann definitiv vorbei und wir können uns den verbleibenden Attraktionen widmen. Eine ältere Bahn (ohne Kopfüber-Helix-Spezialitäten) gewinnt unser Interesse und stellt sich als der heimliche Superstar des Parks heraus. Die Bahn (angelehnt an eine Eisenbahn) schiesst durch den Park, lässt uns die faszinierende Mechanik der Konstruktion spüren und macht richtig Spass.

Schlussendlich fahren wir diese Bahn noch weitere Male und geniessen mit der allerletzten Fahrt des Tages kurz vor der Schliessung des Parks den Abschluss dieses unverhofft ereignisvollen Abends. Die Aufsichtsperson hängt direkt hinter uns eine Kette mit dem Schild «Stängt» (Geschlossen) in den Haken.

Sonnenuntergang über Liseberg mit Riesenrad, AtmosFear-Turm und den Gothia Towers in Göteborg.
Blick von der Achterbahn aus dem Liseberg Freizeitpark.