Ausgeschlafen erwachen wir im Zelt an unserem Bahnhof. Da es heute nur einen Zug in Richtung Süden gibt und der Fahrplan an jedem Tag derselbe ist, steigen wir zur gleichen Zeit wie gestern in den Zug. Mit der Übernachtung bekamen wir einen Eindruck von dieser Wildnis und das Gefühl, direkt aus dieser in einen Zug zu steigen, ist schon etwas speziell.

Viele Stationen der Inlandsbanan stehen bekanntlich im wilden Nichts. Damit der Zug mitten im Blaubeerwald auch wirklich hält, muss man seinen Haltewunsch den LokführerInnen signalisieren. Denn es könnte durchaus ärgerlich, wenn nicht sogar beschwerlich werden, hier einen Zug zu verpassen. Das Signalisieren geschieht von Hand über das Drehen eines Haltesignals. Da der Zug an der Brücke aufgrund des geplanten Fotohalts sowieso stoppt, ist das hier zugegebenermassen etwas überflüssig. Die Tafel heisst auf Schwedisch übrigens «vändbar stoppskiva» – also «drehbare Haltetafel». Früher standen sie an vielen abgelegenen Bahnhöfen, heute gibt es hierzulande nur noch wenige davon.

Nachdem das Gepäck verstaut ist, werfen wir einen Blick in die fröhliche Runde der Fahrgäste, mit welchen wir heute die Ehre haben, auf den krummen Gleisen in Richtung Süden zu rattern. Das Reisen mit der Inlandsbahn fühlt sich nämlich tatsächlich ein bisschen wie eine Gruppenreise an. An Bord der Züge entstehen kleine Schicksalsgemeinschaften, mit denen man bis zu einem ganzen Tag zusammen unterwegs ist.

Man erlebt die Natur gemeinsam, steigt aus, isst zusammen und besucht die Kioske und Museen an den Bahnhöfen. Man kommt schnell mit anderen Natur- und Reisefans ins Gespräch und kann die Freude an der schönen Landschaft und das Erlebte teilen. Genau das, was eben das gemeinsame Reisen im Zug ausmacht – egal in welchem Land man unterwegs ist. Zehn Stunden werden wir jetzt in diesem Triebwagen sitzen, rechnen wir nach. Und wir staunen nicht schlecht, als wir die drei Schweizer Studenten, die wir in Gällivare kurz kennen lernen durften, zwischen den Sitzreihen wieder erblicken. Einige Stationen später, nach einem Personalwechsel, treffen wir unseren lieb gewonnenen Reisebegleiter Alex wieder. Damit sind wir wieder komplett und die Stimmung ist sogleich vertraut.

Die Reise mit der Inlandsbanan lohnt sich auch kulinarisch. Immer wieder hat das Züglein einen etwas längeren Aufenthalt an einem Bahnhof. Oft gibt es dort ein kleines Museum im Stationsgebäude und vor dem Bahnhof haben lokale Restaurants oder Vereine einen mobilen Kiosk aufgestellt, wo man sich mit schwedischen Leckereien eindecken kann. So essen wir an einer Station eine grandiose, hausgemachte Zimtschnecke, die auch François, der sonst eher salzige Speisen mag, vom Zugsessel haut. An Bord des Zuges kann man auch das Mittagessen und das Nachtessen bestellen, welche dann von einem lokalen Restaurant zum Bahnhof gebracht werden.

Alles riecht nach nachhaltigem Slow-Tourismus und es macht richtig Spass, den Vereinen und lokalen Restaurants Hausgemachtes abzukaufen. Zum Mittagessen wählen wir geräucherten Saibling mit Kartoffeln und das Essen ist so richtig frisch und lecker. Neben Rentieren sehen wir auch einige Elche, die in Sümpfen stehen oder – auf dieser Reise – erfolgreich von den Gleisen fliehen.

Einige holprige Kilometer später fährt der Zug in Storuman ein und Alex greift zum Mikrofon. Er macht uns auf das komplett aus Holz gebaute, schöne und seit 1986 unter Denkmalschutz stehende Bahnhofsgebäude hin, das gleich auf der linken Seite erscheinen wird. Alle Reisenden neigen ihre Köpfe brav nach links und warten gebannt auf die Sehenswürdigkeit.
Das Bahnhofsgebäude von Storuman kommt in Sichtweite, aber der stark rauchende Abfalleimer direkt am Haus lenkt vom hübschen Bahnhof ab. Plötzlich springen Flammen aus dem Eimer gegen die Holzwände. Beherzt greift unser Lokführer nach einem der Feuerlöscher im Zug, verlässt diesen und geht gemächlich – aber zielsicher – auf das Stationsgebäude zu.
Er bekämpft in stoischer Ruhe den mittlerweile lichterloh brennenden Eimer. Ein paar Sekunden später ist das Ding professionell gelöscht und im Zug bricht Applaus aus. Sehr berechtigt, denn mit dieser Aktion hat der Lokführer sichergestellt, dass auch weitere TouristInnen den wunderschönen Bahnhof von Storuman bestaunen können.

Ein paar Stunden später nimmt Alex die Bestellungen für das Nachtessen auf. Wir werden für eine gute Stunde an einem Restaurant in Gleisnähe halten, informiert er. Das Restaurant ist stilvoll und modern eingerichtet und man kann viele lokale Produkte wie Käse, Fisch, Knäckebrot und Wildfleisch kaufen. Und während wir das Abendessen geniessen, blicken wir auf unser Züglein, das gleich unterhalb des Restaurants im Kiefernwald steht. Im Hintergrund glitzert das Wasser eines Sees. Ein schönes Gefühl, wie wenn man mit einem Reisebus an einer Raststätte auf der Autobahn stehen würde. Nur steht hier ein Zug und das Ganze wirkt einiges gemütlicher und währschafter.

Gegen Abend verlassen wir dann Lappland und im Zug bricht etwas Wehmut aus. Damit lassen wir auch die kaum besiedelten und wilden Gebiete mit den vielen Rentieren und Elchen hinter uns. Doch Alex tröstet uns mit einer fröhlichen Durchsage, dass wir dafür soeben die Grenze zur Republik Jämtland passiert haben. Wir sind nun also im Län Jämtland, wo die Menschen mehr oder weniger davon überzeugt sind, dass das Län eine eigene Republik innerhalb Schwedens darstellt.

Die sogenannte Mikronation ist humoristisch gemeint und witzelnd fragen wir uns deshalb, wie lange es wohl gehen wird, bis hier im Wald eine Zollstation eingerichtet wird. Mit einem grossen Schild, auf dem die aktuelle Präsidentin Eva Röse uns nett willkommen heisst. Wir erreichen die Hauptstadt der Republik, besser bekannt unter dem Namen Östersund, kurz nach 22 Uhr.

Auf der Fahrt im Bus zu unserem Hotel, das auf der Insel Frösö liegt, blicken wir auf saftig grüne Blumenwiesen und über endlos scheinende Wälder, Seen mit bewaldeten Inseln. Und auf die Berge, die am Horizont aus den Wäldern ragen. Wir verstehen, warum die Menschen hier ihr wunderschönes Jämtland so lieben.

P.S.: Aufmerksame, beziehungsweise treue LeserInnen haben wohl ein Detail erkannt, das Erinnerungen weckt. Neben unseren grossen Rucksäcken führen wir ein anderes, einigen wohlbekanntes Gepäckstück mit.

François hat einen zweiten Versuch gestartet und den netten (und den vor allem äusserst praktischen) grünen Muminsack, gut versteckt im Rucksack, auf die Reise geschmuggelt. Allerdings war der Blick von Jonathan, als er den Sack das erste Mal erblickte, eher durchzogen. François hofft, dass sich das in den nächsten Tagen noch ändern wird. Aktuell transportieren wir in ihm nämlich einige Pfandflaschen, hunderte Kilometer durch rurales Gebiet, vom Norden in den Süden des Landes. Und da wir Sparfüchse sind, lassen wir uns die zusammengerechneten 22 SEK (ca. CHF 1.80) aus Prinzip nicht nehmen. Der finanzielle Aspekt könnte die Kehrtwende bedeuten, so die Hoffnung von François. Nun, wir werden sehen, wie lange Jonathan dieses Gadget dulden wird.

