Mit der Inlandsbanan geht es am frühen Morgen von Östersund in Richtung Mora. Denn die gesamte Strecke von Gällivare nach Mora schafft man nicht an einem Tag. An Bord begrüsst uns – man kann es erraten – Reisebegleiter Alex. Und nochmals taucht das Züglein in endlos scheinende Wälder ein. Zügig fahren wir in Richtung Süden. Und ganz unspektakulär verlassen wir das schöne Jämtland. Dann sagen wir tschüss Inlandsbanan und tschüss Alex. Die Fahrt und die Gastfreundschaft waren beeindruckend und das hat unsere Reise echt bereichert.

Nach knappen sechs Stunden Fahrt erreichen wir die Endstation der Inlandsbanan Mora. Als wir aussteigen, werden wir von der dort herrschenden Hitze (es war 25 Grad) fast erschlagen. Seit fast einer Woche waren wir in arktischen Gefilden unterwegs, mit Temperaturen um 10–15 Grad. In der Hitze schleppen wir uns zum Bahnhof und müssen erst mal Pause machen. Der Bahnhof von Mora erscheint uns gross und die breiten Strassen mit Tankstellen und Industriegebieten machen uns klar: Die Zivilisation hat uns wieder.

Einige Stunden und zwei Züge später erreichen wir die Stadt Falun. Wir deponieren unser Gepäck im Hotel Bergmästaren (Bergmeister), dessen Namen uns daran erinnert, dass wir uns in einer Minenstadt befinden. Denn dafür ist Falun bekannt. Am Abend machen wir noch einen Spaziergang zur Mine, die nur wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt ist, bevor wir diese am nächsten Tag so richtig besichtigen werden.

Von aussen ist die Mine vor allem durch eine riesige Grube weitherum sichtbar. In dieser Grube wurde früher im Tagbau Kupfererz abgetragen. Später kam die Förderung mit Schächten und Stollen im Granit hinzu.

Der Besuch in der Mine von Falun beginnt mit 400 Treppenstufen, die ins Innere des Granitfelsens führen. Die Mine von Falun war über viele Jahrhunderte der Grund, warum Falun gegründet wurde und sich entwickelt hat. Zwischenzeitlich haben in der Mine über tausend Menschen gearbeitet. Hinzu kommen alle Menschen, die in Zuliefer- und Verarbeitungsbetrieben beschäftigt waren.

Die Führung durch den Untergrund ist sorgfältig gestaltet und vermittelt einen grossen Respekt vor der Geschichte dieser Mine. Vom 9. bis ins 18. Jahrhundert dauerte die Blütezeit der Kupferförderung in Falun, danach wurde die Produktion immer weiter reduziert und Ende des 20. Jahrhunderts dann komplett eingestellt. Über diese lange Dauer hat sich sowohl die Art und Weise, wie das Kupfererz abgebaut wurde, entwickelt.

Neue Technologien ermöglichten immer grössere Mengen im Abbau und steigerten auch die Bedeutung der Mine als Wirtschaftsfaktor. Zwischenzeitlich stammte 70% des Kupfers, das in Europa nachgefragt wurde, aus Falun. Für Schweden als Land war der Bergbau schon damals eine wichtige Einnahmequelle. Nicht zuletzt deswegen waren viele Mitglieder der königlichen Familie in Falun und haben ihre Unterschrift an einer Wand, tief im Inneren des Berges, hinterlassen.

Wir schreiten durch die tropfenden Gänge der alten Mine. Aufwändig wurden die Gänge mit Holzbrücken und Lampen ausgestattet. Auf enge Gänge, in denen wir uns ab und zu den Helm am Granit anstossen, folgen fast schon unheimlich wirkende grosse Hallen mit Stollen in alle Richtungen.

In der Tiefe hören wir das Wasser plätschern, das konstant aus der Mine gepumpt werden muss, damit diese nicht absäuft. Die Stimmung in unserer kleinen Gruppe ist schon fast andächtig, während wir durch den Berg schreiten. Die Arbeit der tausenden Menschen, die während hunderten Jahren in dieser Mine nach Kupfererz gegraben haben, ist an vielen Stellen spürbar.

Fast schon unwirklich fühlt sich dann die Fahrt mit dem Lift nach oben an, wo wir unsere orangen Helme und Pellerinen abgeben und wieder ans Sonnenlicht treten.
Das angrenzende Museum im ehemaligen Verwaltungsgebäude gibt in einer grossen Ausstellung dann noch einigen historischen und gesellschaftlichen Kontext zur Mine. Und wir erhalten die Antwort auf die Frage, weshalb in ganz Falun Ziegenböcke aus Holz und Metall zu finden sind. Der Legende nach nämlich hat ein Bauer eines Abends festgestellt, dass ein Ziegenbock leuchtend roten Staub am Kopf hatte. Am nächsten Tag folgte er dem Tier und beobachtete, wie sich der Bock in einem roten Sand am Boden wälzte. Er nahm das zermahlene Gestein in die Hände, die vom Staub gleich rot wurden. Das Kupfererz war gefunden.
Und noch etwas anderes, sehr Prägendes für Schweden kommt aus Falun. Aus der Schlacke, also den Abfällen aus der Kupferverhüttung, wird bis heute die Farbe Falu Rödfärg hergestellt. Es ist die traditionelle rote Farbe, mit der noch immer die meisten Holzhäuser in Schweden gestrichen werden. Das Faluröd, das «Falunrot», ist bedeutend mehr als eine Farbe. Das leuchtende und lebendige Rot steht für Tradition, Ästhetik und eine gute Portion Nationalstolz. Und so ist es, hat man doch im restlichen Europa gleich ein rotes Haus im Wald an einem See im Kopf, wenn man an Schweden denkt.

Die Farbe wird seit Jahrhunderten nach traditioneller Weise hergestellt. Übrigens auch an weiteren Orten in Schweden, die Farbe aus Falun wurde aber am berühmtesten. Aus der übrig gebliebenen Schlacke der Mine gewinnt man einen Schlamm, der im Anschluss gebrannt wird. Eisenoxide und andere Stoffe sorgen dann für die rote Farbe. Schliesslich mahlt man das Ganze zu einem Pigment, das unter anderem mit Wasser, Mehl und Leinöl vermischt und gekocht wird. E Guete.
Man produziert damit eine sogenannte Schlammfarbe. Diese wird nicht wirklich gestrichen, sondern mit grossen Pinseln regelrecht ins nicht geschliffene (so genannt «sägeraue») Holz eingearbeitet. Die Farbe bildet nach dem Austrocknen eine natürliche Schutzschicht gegen die Witterung. Das ist nicht nur praktisch sondern auch ästhetisch, denn das leuchtende Rot sollte früher Reichtum und Wohlstand ausstrahlen. Das Bauen mit Backsteinen konnten sich nur gut betuchte Menschen oder das Königshaus leisten und das Rot sollte die aus Backstein gebauten Häuser imitieren. Der skandinavische Untergrund besteht vor allem aus Granit, die Ausgangsstoffe für Backsteine sind entweder inexistent oder nur sehr selten vorhanden.

Die Fabrik steht direkt am Rande des grossen Lochs und der Betreiber schreibt auf der Website optimistisch, dass mit der Schlacke noch lange Faluröd hergestellt wird. Um die schwedischen roten Häuser muss man sich also zum Glück keine Sorgen machen.

Am Nachmittag fahren wir nach Karlstad. Eigentlich wollten wir einen verrückten Zug nehmen, der nur einmal in der Woche verkehrt. Doch leider mussten wir feststellen, dass dieser erst ab August verkehrt. Er war bis vor etwa zwei Monaten im Fahrplan, dann wurde dieser klammheimlich und ganz still wieder entfernt. Da lässt sich nichts machen. Wir müssen umplanen, finden aber eine Verbindung mit derselben privaten Bahngesellschaft, welche die alten Wagen der Staatsbahn aufgekauft hat und mit diesen nun auf einigen Strecken fährt. Da kommt schon fast Eisenbahnromantik auf – und die erste Klasse hat trotz der in die Jahre gekommenen Wagen so richtig was zu bieten.

Somit sitzen wir am Schluss doch noch in einem verrückten Zug und erreichen unsere heutige Endstation Karlstad kurz vor 18 Uhr.
Karlstad liegt am See Vänern, der so gross ist, dass man das andere Ufer nicht sieht. Mit seinen 5’648 Quadratkilometern ist er etwa so gross wie der ganze Kanton Bern. Wir gehen schwimmen und das tut nach so einem heissen Tag richtig gut.

P.S.: Aufgrund der Erfahrung von heute mit dem verrückten Zug, der nicht fährt, checken wir vor dem Einschlafen noch einmal die morgigen Verbindungen. Und tatsächlich – auch an diesem Fahrplan wurde tüchtig gearbeitet und wir finden nicht mehr alle Züge, die wir eigentlich nehmen wollten. Der Besuch der Kinnekullebanan steht auf dem Spiel und nur mit viel Sucharbeit finden wir eine Verbindung, die eigentlich zu schaffen wäre. Der 2-Minutenanschluss in Hallsberg macht uns fast gleich nervös wie eine Achterbahn auf dem Liseberg. Ob wir das schaffen und das Glück auf unserer Seite ist, werden wir morgen erleben.

Reiseübersicht
- 19. Juni – Das Rätsel und die Göteborgfähre
- 20. Juni – Gewitterwolken und die rostenden Kähne
- 21. Juni – Schärenhüpfen und die fiese Helix
- 22./23. Juni – Der Norden und das Vorfach
- 24. Juni – Die Inlandsbanan und die Bachforellen
- 25. Juni – Räucherfisch und der rauchende Abfalleimer von Storuman
- 26. Juni – Restauranttipps und die schlaflose Stadt Östersund
- 27./28. Juni – Falun und der Kupferbock

