Im Städtchen Östersund haben wir einen ganzen Tag eingeplant. Ein Tag, um Östersund und den sagenumwobenen Lokalstolz von Jämtland zu entdecken. Östersund ist die wichtigste Stadt der Provinz Jämtland und hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Eine Universität wurde gegründet und die Stadt gilt als Verkehrsdrehscheibe.

Vor allem im Winter strömen für den Wintersport viele Menschen nach Jämtland. Das bekannte Skigebiet in Åre ist nur etwas mehr als eine Stunde entfernt. Um nach Åre zu gelangen, ist Östersund ein beliebter Ausgangspunkt.
Die Infrastruktur ist also auf den Wintertourismus ausgelegt, das merkt man an den Dimensionierungen der Infrastruktur, uns wird es aber immer auch mal wieder gesagt. Dies beobachten wir auch an unserem Hotel. Ein ziemlich mächtiger Klopper auf der grünen Inselwiese mit einem eher grosszügig ausgefallenen Spa. Im Sommer ziemlich überdimensioniert, im Winter wohl gut ausgelastet.
Unser Hotel liegt auf der Insel Frösön, wo auch der Airport Åre/Östersund liegt. Wir starten den Tag mit einem Spaziergang zu genau diesem und erwarten grossstädtische Flughafenatmosphäre. Diese Erwartung wird massiv gedrosselt, als wir auf dem Abflugbildschirm sehen, dass heute gerade mal zwei Maschinen landen und gleich wieder abheben. Das Gelände wirkt entsprechend ausgestorben. Der Flughafen ist klein, wobei der Bahnhof von Östersund mit seinen drei Gleisen vergleichsweise grossstädtisch wirkt. Trotzdem ist der Flughafen für den Tourismus im Winter ein entscheidender Faktor. Vor allem aus der Region Stockholm bringt er TouristInnen nach Jämtland und wird in den Wintermonaten deutlich häufiger angeflogen.

Zudem wird der Flughafen militärisch genutzt, zwar nicht als permanenter Stützpunkt, er nimmt als Transport und Nachschubbasis eine strategische und unterstützende Funktion wahr. Deshalb wohl stehen vor und hinter dem Hotel einige alte, etwas rostende Kampfjets rum. Einer davon sogar beim Spa-Bereich, den man direkt aus dem Pool bestaunen kann. Ein anderes Exemplar sehen wir jedes Mal, wenn wir aus dem Hotelfenster schauen.

Für uns gibt es nicht viel mehr zu sehen und wir nehmen den Bus in die Innenstadt. Weil wir die einzigen Passagiere sind, kommen wir mit dem Busfahrer ins Gespräch und erhalten Restauranttipps. Er meint, wir sollen zum City Kebab gehen – «much food, very cheap» – meint er dazu.

In der Stadt angekommen sind wir überrascht, wie viele Menschen an diesem Freitag unterwegs sind. Die hübsche Fussgängerzone ist gut bevölkert und viele grössere und kleinere Läden warten auf uns. Darunter sind nicht nur grosse Ketten, wie sie in vielen anderen schwedischen Kleinstädten anzutreffen sind, sondern auch lokale Geschäfte, die Produkte aus der Region, Entschuldigung Republik, vertreiben. In Jämtland bedruckte Stoffe sowie lokal hergestellte Pullis und T-Shirts werden in den Schaufenstern von hübschen kleinen Läden ausgestellt.

Von der Terrasse eines Restaurants in der Fussgängerzone, wo es zwar «much food», der aber nicht so cheap ist, beobachten wir das Treiben in der Stadt und fühlen uns hier sehr wohl. Die Mischung aus erstaunlich vielen jungen, urbanen Menschen und der gleichzeitigen Nähe zur Natur mit den Bergen und Seen ist sehr charmant. Unsere Kreditkarte leistet zuverlässige Dienste und mit einigen Einkaufstaschen machen wir noch einen kurzen Spaziergang zur Werkstatt der Inlandsbanan. An diesem Freitag Nachmittag ist dort keine Menschenseele zu sehen und nur durch die Fenster erblicken wir einige der grossen Lokomotiven und Schneeschleudern, die hier eingestellt sind.
Zurück im Hotel geniessen wir (fast alleine) den grossen Spa und machen uns später wieder auf den Weg in die Stadt. Dort ist auch um 23 Uhr noch einiges los. Viele junge Leute ziehen durch die Gassen und wir sind schon fast froh, finden wir in einem Restaurant noch einen Tisch. Die Stimmung ist ausgelassen und wir lassen uns davon gerne mitnehmen. Bei einem jämtländischen Bierchen – dem Aufdruck ist zu entnehmen, dass die Präsidentin das Bier ausdrücklich empfiehlt – lassen wir den Abend ausklingen.

Um Mitternacht ist die Sonne zwar verschwunden, es ist aber noch immer taghell. Weiterhin ziehen viele Leute durch die Gassen und wir fragen uns, ob die dann auch mal bald schlafen gehen werden. Wir jedenfalls sind wieder auf dem Weg zurück zum Hotel und können den lokalen Stolz der JämtländerInnen immer besser nachvollziehen. Egal in welche Richtung man blickt, die Natur ist atemberaubend schön. An den Weiten, den Seen und den stets im Hintergrund präsenten Berge kann man sich kaum satt sehen. Und das Städtchen Östersund strahlt eine Freundlichkeit und Lebensfreude aus, die so richtig ansteckend ist.
Jämtland, vi älskar dig!

P.S.: Wie auch in der Schweiz oder Deutschland, sind die lokalen Verwaltungsbezirke (bei uns Kantone oder Bundesländer) auch in Schweden von grosser Bedeutung. Die lokalen Provinzen, «Län» genannt, sind häufig definierend für die Identität der Menschen. Gerade in Jämtland wird dies besonders deutlich. Einiges ist sogar im jämtländischen Dialekt angeschrieben. Mit dem Rikssvenska, dem Standardschwedisch, hat das nicht mehr viel zu tun.
Umso besser, wenn man aus dem Kopf die Län aufzählen kann oder diese gar auf einer Karte verorten kann. Dies muss natürlich trainiert werden und genau dafür haben wir ein kleines Geografiespiel gebaut, das ihr hier spielen könnt. Das hilft auch die Zeit zu überbrücken, bis ein neuer Reisebericht durch uns publiziert wird.
Reiseübersicht
- 19. Juni – Das Rätsel und die Göteborgfähre
- 20. Juni – Gewitterwolken und die rostenden Kähne
- 21. Juni – Schärenhüpfen und die fiese Helix
- 22./23. Juni – Der Norden und das Vorfach
- 24. Juni – Die Inlandsbanan und die Bachforellen
- 25. Juni – Räucherfisch und der rauchende Abfalleimer von Storuman
- 26. Juni – Restauranttipps und die schlaflose Stadt Östersund

