Zehn Minuten zu früh ist unser Nachtzug aus dem Süden im sommerlichen Stockholm angekommen.
Ein wunderschöner Tag erwartet uns. Nachdem wir unser Gepäck in einem Souvenirshop am quirligen Drottninggatan hinterlegt haben (die Schliessfächer am Bahnhof kosten ein Gewehr), gehts runter in die Tunnelbana, so heisst die U-Bahn in Stockholm. Wir fahren Richtung Ropsten, um mit der Lidingöbanan nach Gåshaga, der Endstation, zu fahren. Dort kommt Schärenfeeling auf, denn das Züglein hält direkt am Wasser. Was uns auf Lidingö auffällt? Nun, im restlichen Schweden lebt man den Grundsatz «lagom» (mässig, gerade richtig, nicht übertrieben). Auf Lidingö hingegen muss man aufpassen, dass man nicht von einem Tesla, e-Volvo oder einem SUV überfahren wird.
Kaum überlebt, werden wir von den Preisen des schicken Restaurants des Yachtclubs von Gåshaga erschlagen. Nicht mal Zürich kann da mithalten. Wir ergreifen die Flucht, rennen zur Anlegestelle und sitzen schon bald auf einem Schärenhüpfer (Schiffe, welche durch die Schären vor Stockholm tuckern), der uns zurück ins Stadtzentrum schippert. Das Mittagessen kann schwedischer nicht sein: Im altehrwürdigen Restaurant «Prinsen» geniessen wir Köttbullar, Kartoffelstock, Gurkensalat und Preiselbeeren. Rund um uns herum wird der Frühling gefeiert, im Prinsen standesgemäss mit Chablis, Riesling und Moët Chandon. Stockholm ist aus dem Häuschen.

Den Nachmittag verbringen wir auf dem Söder (Södermalm), dem farbigen und verrückten Stadtteil im Süden Stockholms. Ganz Stockholm ist auf den Beinen und saugt die Sonne auf. Teilweise durchaus eher freizügig. In den Pärken der Stadt liegen Menschen, welche die Wärme der Sonne geniessen. Wir stehen auf der «Ersta-Terrassen», schauen hinunter auf die Inseln und Buchten Stockholms: Gamla Stan, Skeppsholmen, Djurgården, dem tiefblauen Strömmen, Nybro- und Vasaviken. Apropos Vasaviken: Wir lächeln mal wieder über die menschliche Selbstüberschätzung, welche sich am Beispiel der Vasa, dem berühmten Schiff, eindrücklich zeigte. Es kenterte im Jahre 1628 nach nur 20 Minuten Fahrt vor der ganzen versammelten Festgemeinde. Schlussendlich war es für Stockholm irgendwie trotzdem ein Erfolg: Das Vasa-Museum, in dem das Schiff heute ausgestellt ist, zählt zu den meistbesuchten Museen Schwedens.

Viel mehr Zeit zum Philosophieren auf dem Söder bleibt uns dann aber nicht. Die Reise in den Norden geht weiter. Also: Gepäck holen, einkaufen und ab zum Bahnhof. Der Nachtzug der Vy verlässt pünktlich um 18.08 Stockholm C. In der goldenen Abendsonne schlängelt sich der Zug durch die nördlichen Vororte Stockholms und taucht bald wieder in die weiten Landschaften mit Wäldern und Seen ein. Bei einem Bierchen im Schlafwagen, der übrigens äusserst sauber und gut im Schuss ist, lassen wir den Tag ausklingen. Es war ein wunderbarer Tag in einer wunderschönen Stadt.
PS: Johnny's Sorge war, dass unser Abteil im ersten Wagen hinter der Lok liegt. Da die Elch- und Rentierdichte nun laufend zunehmen würde, hupe das Gefährt die ganze Nacht, so die Befürchtung. Wagen 10 liegt dann tatsächlich direkt hinter der stolzen Rc6-Lok der Trafikverket. François freut's (kann er so doch jederzeit das dynamische Gefährt von der Plattform aus bestaunen), Johnny bedauert es ein wenig, sich in Stockholm keine Ohrenstöpsel besorgt zu haben. Wir sind on the track again.


