Wir erwachen im «neuen Kiruna». Ein stahlblauer Himmel verbirgt sich hinter dem Vorhang des grossen Fensters. Doch der Schein trügt hier oben im Fjäll: Draussen ist es nämlich – mit Verlaub – saukalt.

Neu entwickeltes Stadtgebiet mit einer Mischung aus modernen mehrstöckigen Gebäuden in verschiedenen Farben unter klarem Himmel.
Das neue Kiruna.

Die Statements von gestern beschäftigen uns noch immer. Die beiden Haltungen «Kiruna wird zerstört» hin zu «kommt schon gut» können unterschiedlicher nicht sein. Und wir diskutieren, dass es ohne die Mine diese Stadt mit 22'000 Einwohner:innen wohl gar nicht geben würde. Dass die Minenbetreiberin LKAB vollständig in staatlicher Hand ist und die Erlöse schlussendlich allen Schwed:innen zugute kommen, wäre in anderen Regionen der Welt vermutlich anders.

Eine Stadtstraße, gesäumt von modernen Mehrfamilienhäusern mit Geschäften im Erdgeschoss und einer Baustelle an der Seite.
Noch ist hier Baustelle.

Geben wir dem «neuen Kiruna» also eine Chance. Wir durchqueren die Strassen und gedeckten Arkaden, schauen in die Läden sowie in die Kaffees, die mit Menschen gefüllt sind. Im Einkaufszentrum spielen Kinder. Das neue Kiruna ist noch klein, die Strassen führen noch ins Nichts, am Ende der Strassen trifft man auf plattgewalzte Schotterplätze.

Ein Fußgänger in einer Winterjacke läuft auf einem verschneiten Weg, mit modernen Wohngebäuden im Hintergrund.
Hierhin werden erhaltenswerte alte Häuser aus dem alten Stadtzentrum gezügelt.

Diese weichen aber gemäss den ausgehängten Plänen bald neuen Stadtteilen. Die Strassen besitzen Namen wie «Mitternachtssonnenstrasse», «Kulturstrasse» oder «Erzstrasse». Die Gebäude wirken solide, aber nicht protzig. Unterwegs begegnen wir Schüler:innen, die alle mit einem Laptop unter dem Arm unterwegs zur Schule sind und uns ein «Tjena!» (Hallo!) zurufen. Es gibt doch Leben hier und wenn wir uns an das Statement des älteren Herrn oben im «Bishops Arms» bei den gelben Absperrungen erinnern, ist es angebracht, der neuen Stadt eine Chance zu geben. Schwedenstimmung ist auf jeden Fall schon vorhanden. Espresso House (die schwedische Antwort auf Starbucks, einfach mit Zimtschnecken und so) hat bereits eine Filiale eröffnet, und wir machen dort eine «Fika» (Kaffeepause).

Innenansicht eines modernen Cafés mit Kunden am Tresen und anderen sitzenden Personen, umgeben von zeitgemäßer Einrichtung.
Espresso House in Kiruna.

Mit vielen gemischten Eindrücken steigen wir wieder in den Bus, der uns über die staubige Strasse vorbei an den Gerippen zum Bahnhof fährt.

Weitblick auf eine verschneite Industrielandschaft mit einem großen Hügel, Bahngleisen und mehreren Industriegebäuden.
Die riesigen Abraumberge der Mine.

Die riesigen Abraumhalden mit den dampfenden Kaminen kommen wieder in Sicht. Der Norrlandzug nach Boden verlässt Kiruna pünktlich. Wir sind wieder auf Schienen und kommen mit dem Angestellten ins Gespräch, der eben erst noch die Lok angekuppelt hat. Auch er meint, dass Kiruna aktuell ein «verrückter» Ort sei. Später serviert er im Bistro Kaffee, noch später fährt er selber den Zug, während sein Lokführerkollege nun im Bistro Kaffee serviert. Arbeitsteilung «à la Norrlandzug». Wer eine Rc6-Lok fahren kann, kommt schliesslich auch mit der Kaffeemaschine des Bordbistros klar.

Blick aus einem Zugfenster auf einen zugefrorenen See, umgeben von bewaldeten Gebieten unter bewölktem Himmel.
Das Eis auf den Flüssen taut.

Wir stoppen immer wieder aufgrund von diversen Zugskreuzungen mitten im Blaubeerwald und erhalten dadurch eine satte Verspätung. Der Nachtzug zurück nach Stockholm wartet in Boden aber netterweise auf uns. Dieser ist bis auf den letzten Platz ausgebucht, was uns freut: Bestätigt diese hohe Nachfrage doch die Existenz dieser langen, etwas verrückten und wichtigen Lebensader für Nordschweden.

Der Polarkreis liegt hinter uns, die Wälder werden dichter, die Flüsse die wir überqueren sind nicht mehr zugefroren. Während der Nacht werden wir an 14 (!) Bahnhöfen halten, wo Reisende ein- und aussteigen werden. Sie sind geschäftlich unterwegs, machen Ferien oder besuchen Verwandte und Freunde, die weit weg leben. Eine Lebensader eben. Und genau das ist es, was uns an diesen Nachtzügen so fasziniert.

Zwei lächelnde Männer mit Strickmützen im Inneren eines Zuges, die für ein Selfie in einem gut beleuchteten Korridor posieren.
Im Nachtzug nach Süden.

PS: Schwedische Norrland-Züge sind grundsätzlich schlecht geheizt, wie wir feststellen mussten. Vielleicht liegt es daran, dass einheimische Reisende hier Temperaturen über 0°C als «warm» empfinden. Das heisst aber nicht, dass nicht geheizt werden kann. In der Nähe des Eingangs gibt es jeweils einen sogenannten «Drehregler» zum einstellen der Temperatur. Johnny's erste Handlung ist es jeweils, diesen direkt auf «MAX» zu setzen.

Nahaufnahme eines wandmontierten Temperaturreglers mit einem zwischen Minimum und Maximum eingestellten Zifferblatt.
Verführerischer Temperatur-Drehregler.

Nach ca. einer Minute verrät dann ein leises metallisches Knistern, dass die Heizleistung eingesetzt hat. Nach weiteren zehn Minuten ist dann die Heizung an der Wand so heiss, dass man sich bei Kontakt Brandverletzungen 2. Grades (mittelschwer) zuziehen kann. Bei geschätzten 28°C fühlt sich Johnny dann wohl, während alle anderen Reisenden beginnen ihre Jacken, Mützen und Pullover auszuziehen.

Schwedenreisli