Nach zwei Tagen in Norwegen, geht es heute wieder zurück nach Schweden. Die Minenstadt Kiruna, welche unser heutiges Ziel ist, liegt drei Zugstunden von Narvik entfernt. Wie bereits auf der Hinreise müssen wir mit dem Bahnersatzbus von Narvik nach Björkliden fahren. Von dort geht es mit dem Zug weiter durchs «Fjäll» (Berge), entlang des Sees Torneträsk und durch verschneite wilde Landschaften.

Das Gelände wird flacher, am Horizont erscheinen wie aus dem Nichts schwarze Berge aus Schutt, hinter denen dichte Rauchwolken aufsteigen: Kiruna erkennt man von Weitem. Besser gesagt, die Spuren der weltgrössten Eisenerzmine, welche sich seit dem Jahre 1900 in den Berg hineinfrisst. Seit zwei Jahren ist man aber, wenn man in Kiruna mit dem Zug ankommt, noch nicht da: Am Bahnhof muss man sich zwischen dem neuen und dem alten Stadtzentrum entscheiden.

Die nun über 100 Jahre dauernden Bergwerkstätigkeiten führten zu Bodensenkungen und Verwerfungen im Zentrum Kirunas, weshalb die Stadt «umziehen» soll. Da es weder umfassende Dokumentationen noch Reportagen in unseren Breitengraden dazu gibt, wollen wir mit eigenen Augen sehen, was hier in Kiruna vor sich geht.

Der Bus verlässt den Bahnhof und fährt auf einer staubigen Strasse ins «neue Zentrum».

Irgendwie ist hier im «neuen Stadtzentrum» noch nicht so viel Leben. Wir beziehen unser Hotel und nehmen bald den Bus ins «alte Stadtzentrum». Johnny war vor vier Jahren bereits hier und erinnert sich an eine normale schwedische Kleinstadt. Als unser Bus ankommt, sehen wir ein Stadtzentrum, das kurz vor dem Abriss steht.


Sämtliche Geschäfte sind geschlossen, einige hohe Wohnblocks sind bereits ausgehöhlt und ragen wie Gerippe in den Himmel. Überall sieht man Bauschutt und Absperrungen, es sind nur wenige Menschen zu sehen.

Ein einziges Restaurant ist noch geöffnet: Das Pub «The Bishops Arms» serviert noch bis Ende des Monats Burger und Bier.

Wie ein «pièce de résistance» steht es direkt am Ende der gelben Absperrung und strahlt noch etwas an Leben aus. Drinnen merkt man vom Geschehen vor der Tür allerdings nichts.

Nach dem Essen kommen wir mit der Kellnerin und zwei einheimischen Gästen ins Gespräch.
«Kiruna zügelt nicht. Kiruna wird zerstört und sie bauen eine neue Stadt da unten.»
Dies sagt ein junger Mann, der hier in Kiruna Musiklehrer ist.
«Alles ist halb so schlimm, das kommt dann schon», meint ein älterer Herr neben ihm.
Die Kellnerin, die ursprünglich aus Stockholm ist, erklärt uns ihre Sicht. Sie habe noch keine Wohnung bekommen da unten im neuen Kiruna. Es gebe viel zu wenige Wohnungen für alle. Schon gar nicht für diejenigen, die nicht in der Mine arbeiten. Falls sie keine Lösung finde, stehe sie bald ohne Wohnung da.
Zudem seien viele Entscheide kaum nachvollziehbar für die Menschen hier. Man habe beispielsweise ein horrend teures Schwimmbad mit Spa-Bereich gebaut, bevor mit dem Bau des neuen Spitals begonnen wurde.
Hinzu komme, dass für viele der Prozess auch emotional schwer sei: «Die Leute schauen zu, wie die Häuser, in denen sie aufgewachsen sind, Schritt für Schritt verschwinden.» Gerade für ältere Menschen sei es enorm schwierig, nach Jahrzehnten in eine neue Wohnung zu zügeln. Und die angebotene Hilfe für den Umzug sei kaum ausreichend.

Auf dem Weg nach Hause laufen wir am grossen Plakat der LKAB vorbei, das die finalen Stadtteile auf einer Karte darstellt. «Milliardenhaus» hat jemand mit einem Filzstift auf das Areal des Schwimmbad-Gebäudes geschrieben.

Wir sitzen mal wieder in der Bar im obersten Stock, diesmal im Scandic Hotel Kiruna. Auch hier dürfen wir einen wunderbaren langen Sonnenuntergang erleben. Die Sonne beleuchtet den Horizont hinter den Abraumhügeln der Erzmine und dem alten Kiruna, das es so bald nicht mehr gibt.

