
Als wir erwachen und aus dem Fenster des Norrland-Nachtzuges schauen, trauen wir kurz unseren Augen nicht. In Gällivare angekommen, haben wir nicht nur das mittlerweile 1100 Kilometer entfernte Stockholm und den Polarkreis hinter uns gelassen, sondern auch den Sommer. Unser Blick schweift über endlos schneebedeckte Weiten und Wälder, leichter Schneefall hat eingesetzt. Wir sind definitiv im «Norrbotten Län», der nördlichsten Provinz Schwedens angekommen. Die Bäume sind nicht mehr so hoch und dicht wie im Süden, hier muss alles der langen Kälte trotzen.

Der Schlaf war erholsam (es wurde wenig gehupt, Elche sowie Rentiere wurden bisher keine gesichtet) und die Fahrt im Nachtzug ein echtes Erlebnis. Im Restaurantwagen gibt es Kaffee, welcher von einer schrulligen Norrländerin mit Pinker Fellmütze, gefärbten Haaren und blauen langen Fingernägel serviert wird. Der Zug ist gefüllt mit Menschen, teilweise auch mit Skiausrüstungen (⛄️!). An dieser Stelle soll Johnnys neue Schlafmaske kurz erwähnt werden. Er erwähnt mehrfach, dass dies ein «Game Changer» sei und wird fortan wohl noch besser schlafen.
Beim Umstieg auf den Bahnersatzbus, der die letzte Stunde nach Narvik fährt, packen wir zum ersten Mal die warme Jacke aus. Uns wird bewusst, wir sind im kalten Norden.
Die 16 stündige Reise hat sich erstaunlich kurz angefühlt. Narvik empfängt uns mit wunderschön sonnigem Wetter.



Narvik ist eine interessante Stadt. Nicht besonders charmant, etwas rau und in atemberaubender Umgebung. Trotzdem finden sich hier nette kleine Restaurants und Kaffees. Diese befinden sich allerdings alle (wirklich alle) an derselben Strasse, was uns etwas irritiert. Als wir feststellen müssen, dass es in Narvik mehr oder weniger nur eine Strasse gibt, lässt unsere Irritation auch etwas nach. Auf beiden Seiten der Stadt hat man Zugang zum Meer. Vor allem aber wird Narvik von den Erzzügen und den dazugehörigen Schiffs-Verladeanlagen dominiert. Die Züge aus Kiruna, das wir in den kommenden Tagen besuchen werden, fahren zum Glück direkt vor unserem Hotelzimmer entlang. François hat bereits mehrere Rangiermanöver beobachtet und kommentiert. Der Sinn einiger der gesichteten Rangierbewegungen erschloss sich uns spontan und ohne weiteres Fachwissen nicht.

Wir machen einen Spaziergang zum Hafen, geniessen die flache Sonne und die Sauna im Hafen von Narvik.

Natürlich darf auch ein Schwumm im kalten Fjord nicht fehlen. Die Temperatur wird auf maximal 1°C geschätzt, erfrischend ist wohl das passende Adjektiv dafür.

Während wir diese Zeilen schreiben, blicken wir vom Dach des Scandic Hotels auf Narvik, wo gerade ein leeres Erzschiff eingefahren ist und ein langer Erzzug der LKAB seine Last entlädt. Ein endlos wirkender, wunderschöner Sonnenuntergang erleuchtet den Horizont hinter den schneebedeckten Bergen. Bereits jetzt wird es hier nicht mehr vollständig dunkel.

PS: François hat in einem kleinen Bunker am Strassenrand (Was er dort um Himmelswillen suchte?) zum ersten Mal die Wasserdichtigkeit seiner Schuhe geprüft (sie waren wasserdicht). Ob diese auch die geplante Wanderung mitmachen und ob Johnnys Turnschüehli das ebenfalls gut finden, werden wir morgen herausfinden.

